Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Freakhügel der Welt der Woche

Feuilleton | MATTHIAS DUSINI | aus FALTER 19/16 vom 11.05.2016

Wien ist nicht Praterstern, sondern Kahlenberg. Hier versammelt sich jeden Sonntag die multikulturelle Gesellschaft, um Kaffee zu trinken und auf die in einem Dunstschleier verschwindende Stadt hinabzublicken. Städte haben meist einen Schlossberg mit dem Panoramablick. In der Donaumetropole ist es nur ein Hügel, der noch dazu weit von der Innenstadt entfernt ist.

Dennoch ist der Kahlenberg magisch. Viele kommen mit dem Auto, andere mit dem Bus oder zu Fuß. Man sieht die Familie aus dem Mostviertel, kroatisch sprechende Studenten in dezent-modischer Aufmachung, quietschbunte Hip-Hop-Slowaken. Und dann kommt die türkische Familie, die Frauen mit seidenen Kopftüchern, die Kinder gekampelt und geschneuzt. Alle lachen, schwatzen und schnuppern Frühling. Man setzt sich in einen Liegestuhl und holt sich ein Getränk aus der Cafeteria, dessen Personal die freundlichen Vibrationen des Ortes verstärkt.

Cappuccino nur mit Milchschaum bitte, schwarzer Tee mit etwas Zitrone, kein Problem. Selbst wenn die Warteschlange sich um den Block herumzieht, bewahrt das Personal vom Kahlenberg Coffee To Go die Ruhe. Wutbürger und Hassprediger, setzt euch in den 38A und lasst den Kahlenhügel auf euch wirken. Dort unten gibt es Trübsal, Neid und Angst, hier oben zuvorkommende Höflichkeit und heitere Gemeinschaft.

Die Esoteriker versammeln sich um eine Gedenktafel für Wesen, die hier auf einer Insel inmitten von Salzwasserseen lebten. Die polnischen Katholonationalisten treffen sich, um zu König Sobieski zu beten, der auf dem Kahlenberg das osmanische Heer besiegte. Die Ukrainer haben ebenfalls ein Denkmal aufgestellt, Soldaten mit Krummsäbeln. Der Kahlenberg verwandelt Finsterlinge in Kinder des Lichts.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige