Film Neu im Kino

Die letzte Schnitzeljagd: Atom Egoyans "Remember"

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 19/16 vom 11.05.2016

Nicht jeder Satz, der stimmt, muss auch in der Umkehrung funktionieren. "Wir sind zu alt, um zu lügen", sagt Zev, als er den ersten Verdächtigen gestellt hat. Er meint damit selbstredend nicht, dass die Lüge ein lässliches Privileg der Jugend ist. Aber die Wahrheit gewinnt andere Grade der Unausweichlichkeit, wenn nicht mehr viel Lebenszeit bleibt.

Sein Gegenüber leugnet gar nicht, dass er ein überzeugter Nazi und Antisemit war. Dazu hätte es der Pistole in der zitternden Hand des Vollstreckers gar nicht bedurft. Aber er hat nun einmal in Nordafrika gedient und nicht in Auschwitz. Es hilft nichts, Zev (Christopher Plummer) muss den nächsten Kandidaten auf seiner Liste finden. Dabei ist der Witwer als Nazijäger denkbar untauglich. Er leidet an Demenz, die Wirklichkeit entgleitet ihm ständig. Der normale Lauf der Dinge hätte vorgesehen, dass er seine letzten Tage im Altersheim zubringt. Aber sein Freund Max (Martin Landau) schickt ihn auf eine kathartische Mission: Er soll den Blockführer hinrichten, der ihre Familien in Auschwitz tötete und sich seitdem in Nordamerika versteckt hält. Max hat ihm minutiöse Anweisungen auf die Schnitzeljagd mitgegeben. In seinen lichten Momenten ist Zev überdies zu List und Selbstironie fähig.

Natürlich sind weder die Prämisse von Benjamin Augusts kurioserweise preisgekröntem Drehbuch noch seine absurden Wendungen plausibel. "Remember" entgleist gewissermaßen von Anfang an, aber Atom Egoyan filmt die Geschichte mit robuster Unbefangenheit. Das Flair von Kolportage geniert ihn nicht. Die Orthodoxie würde eine akkuratere Verknüpfung der Themen Demenz und Holocaust verlangen. Statt der Pflicht wählt der kanadische Regisseur die Kür. Für die Unentrinnbarkeit der Vergangenheit findet er ohnehin genug Indizienbeweise.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Topkino)


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