Team Zucca

Der italienische Getränkekonzern Campari macht eine Pop-up-Bar

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Es gibt ein paar Gründe, um nach Mailand zu fahren. Die Parmesanvitrine im Gourmet-Supermercato Peck, zum Beispiel. Den Borsalino-Laden in der Galleria, die Bäckerei Princi, die sagenhafte Antipasti-Galerie im Charleston gibt’s ja leider nicht mehr, das ist jetzt ein Touri-Lokal. Und natürlich das Caffè Miani links vom Eingang der Galleria Vittorio Emanuele.

Dieses Café hat eine lange Geschichte, die bis 1867, zur Eröffnung der Galleria, zurückreicht, als es von Gaspare Campari als Weinhandlung und Bar namens Camparino begonnen wurde, in der er auch seinen roten Bitterlikör verkaufte. 1923 bekam das Lokal sein Jugendstildesign, 1943 wurd es von Guglielmo Miani erworben, der es ab 1983 wieder mit dem Titel Camparino führte. Allerdings nur bis 1995, dann lief der Vertrag mit Campari aus, und Familie Miani ging eine Partnerschaft mit einem Konkurrenten, dem Mailänder Amaro-Hersteller Zucca (gehört zur Amaretto-di-Saronno-Gruppe), ein.

Seit damals hat sich die Strategie der Firma Campari einigermaßen verändert, man expandierte: In den 90ern begann man, (nicht nur) italienische Getränkemarken aufzukaufen, darunter den Artischocken-Amaro Cynar, 1999 kam unter anderem Cinzano dazu, 2003 Aperol, 2014 schließlich Averna und Braulio. Und 2012 holte sich der mittlerweile über 50 Marken umfassende Konzern auch das Caffè in der Galleria wieder zurück.

Dass sich die Campari-Group auch das Schwarze Kameel in der Bognergasse einverleiben wird, ist nicht zu befürchten. Aber nachdem Kameel-Inhaber Peter Friese nach Jahrzehnten endlich die Chance hatte, das Zuckerlgeschäft neben seinem Jugendstillokal zu kaufen, wurde der Platz jetzt provisorisch für eine Campari-Pop-up-Bar genutzt. Kameel und Campari lernten sich kennen und schätzen und sprachen einander gegenseitigen Respekt aus, Friese ließ von den Architekten Laura Karasinski und Gerd Zehetner eine rot-schwarz-weiß verspiegelte Amaro-Kammer mit Lobmeyr-Lustern, Spiegelkugeln und roten Twin-Peaks-Vorhängen gestalten. Hinter der Bar stehen Leute aus Christian Eberts Barschule und mixen da bis 12. Juni schöne Drinks aus Produkten der Campari-Familie, dazu kann man Oliven, salzige Kekserln und selbstgemachte Chips knabbern, wie in Italien.

Den „Campari Seltz“, einen Campari Soda, spritzt man nach Vorbild des Camparino, tadellos (€ 4,50), der Negroni mit riesiger Eiskugel drin ist absolut erstklassig (€ 8,50), wer lieber zwei trinkt, dem sei die mit Prosecco verdünnte Version Negroni Sbagliato empfohlen (€ 8,50). Warum der Averna Sour hier so außerordentlich gut ist, wollte der Barkeeper nicht verraten, er meinte, das liege daran, dass er das Glas mit Zitrone parfümiere. Unwahrscheinlich, aber großartig (€ 6,90). Und im Gegensatz zum restlichen Goldenen Quartier herrscht hier richtig Leben.

Resümee:

Der expandierende Campari-Konzern hat für zwei Monate ein sehr schönes Stückchen Wien erobert – und macht Aperitivo im Kameel.

Bar Campari
1., Bognerg. 5
bis 12.6. tägl. 12–22 Uhr
www.campari-austria.at


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