Selbstversuch

Ich mag nicht mehr darüber reden, sorry


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016

Man möchte zur Zeit am liebsten durchschlafen bis Sonntagabend und dann aufwachen mit der Nachricht, dass alles nochmal gut gegangen und Van der Bellen gewählter HBP ist. Das Schlafenwollen hat natürlich vermutlich schon auch mit dem Eisheiligenwetter zu tun und damit, dass man diese Woche drei Abende hintereinander aus war: worauf der Organismus mit einer Sackmüdigkeit reagiert, die einen unmittelbar nach dem Frühstück zurück in die Federn treiben würde, wenn es die Teenager nicht immer so schlecht aufnehmen würden, dass man selbst wieder ins Bett geht, während sie in die Schule müssen. Es macht auch nicht so einen guten Eindruck, vorbildwirkungsmäßig, das muss man zugeben, deshalb schüttet man drei Kaffee hinunter, zieht sich an, macht die Betten und benimmt sich, wie man es von einem vernünftigen Erziehungsberechtigten erwartet.

Und sinkt dann vor den Computer, wo man sich erst einmal halbschlafend durch Facebook treiben lässt. Was dieser Tage eben keine gute Idee ist, weil es die Sehnsucht nach Somatisierung und Sedierung potenziert, wenn man dabei über die Threads von Stefanie Sargnagel stolpert. Heiliger. Ich will schlafen.

Auch deshalb bemüht man sich bei den abendlichen Ausgängen, möglichst nicht über Politik zu sprechen. Und meidet Menschen, die gerne über Politik sprechen wollen. Automatische Bewässerungsanlagen, Teenager-Probleme, Ageismus, Kunst, wer mit wem: Das sind Themen über die man sich gerne unterhält, bloß keine Politik. (Im Unterschied zum eigenen ehem. Erziehungsberechtigten, der am Wochenende am Land zu Besuch war und am Abend, während einer wieder einmal recht ausufernden Grillage, mit einem Freund am Feuer saß und angeregt politisierte. Man muss sich das so vorstellen: Stimmengewirr, Feuergeknister, Kindergebrüll, der ansonsten schwerhörige Vater und der Freund unterhalten sich angeregt über die Bundespräsidentenwahl und das politische System, und der Vater, der nicht ein einziges Mal auch nur "Wie bitte?" fragt. Am nächsten Morgen sitzen der Vater, meine Mutter, die Teenager und ich beim Frühstück, und ich sage in die Sonntagsmorgenstille des geräuschlosen Innenraums hinein: Der Vater war gestern gar nicht mehr schwerhörig. Der Vater: Wasss? Ich: Du warst gestern gar nicht mehr SCHWERHÖRIG!! Der Vater: WAS ISCH NED GHÖRIG???)

Bei mir ist es umgekehrt: Ich höre derzeit nichts mehr, sobald jemand zu politisieren anfängt. Ich mag nicht darüber reden, schon gar nicht mag ich streiten, ich habe keine Rezepte, wie alles besser werden könnte, und ich will auch keine hören. Ich weiß nicht, wer an allem schuld ist, und ich möchte auch keine Schuldigen aufgezählt bekommen. Alles ist so laut derzeit. Die Polarisierung und diese Radikalisierung in der Debatte, das macht mir zu schaffen, ich bin auf dem Ohr gerade ein bisschen taub. Ich möchte schlafen, bis Sonntagabend, und dann möchte ich aufwachen, und es soll wieder leiser sein und gut.


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