Nein, dein Bauch gehört nicht dir

Was hat die Fristenlösung mit dem Thema Heimat zu tun? Mehr, als der Präsidentschaftswahlkampf offenlegte


KOMMENTAR: BARBARA TÓTH
Falter & Meinung | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016

Nennen wir sie Silvia Roth. Silvia ist eine gute Freundin von mir. Sie hat im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen Irmgard Griss gewählt, ihr Mann Norbert Hofer. Die Roths sind keine typischen Blau-Wähler. Sie leben in Niederösterreich in einem großzügigen Haus, haben drei wohlerzogene Kinder und keine finanziellen Sorgen. Sie sind nur ehrlich verärgert über die österreichische Politik, vor allem über das "Handling" der "Flüchtlingskrise". Sie finden es fahrlässig, was da im Spätsommer passiert ist. Und mit dem ganzen "Genderwahn" muss man ihnen auch nicht kommen.

Aber kommenden Sonntag, eröffnet mir Silvia, wählt sie jetzt sicher nicht Hofer, wie ursprünglich geplant. Sondern Alexander Van der Bellen. Warum?"Weil Hofer hat in der Puls4-Debatte das Recht auf Abtreibung infrage gestellt. Da kann ich als Frau nicht mit." Hofer hat die Fristenlösung nicht explizit angetastet, aber er will, dass Frauen eine "Bedenkzeit" haben, bevor sie sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden (siehe Seite 10). Für Silvia war das ausreichend, um sich von ihm abzuwenden.

Das Thema Abtreibung hat mit dem Amt des Bundespräsidenten natürlich nichts zu tun. Trotzdem sagt Silvias Reaktion mehr über diesen denkwürdigen Wahlkampf aus als vieles andere. Inhaltlich oszillierte er in den Wochen zwischen erstem Wahlgang und Stichwahl um alles Mögliche und gleichzeitig um nichts. Südtirol, Flüchtlinge, Registrierkassenpflicht, TTIP, einen blauen Kanzler angeloben oder nicht -die Debatte kam selten auf den Punkt. Die Kontrahenten redeten meistens aneinander vorbei anstatt miteinander ins Gespräch zu kommen, egal, ob sie ein Moderator anleitete wie im ORF oder man sie sich selbst überließ wie letztes Wochenende katastrophalerweise auf ATV.

Dahinter steht Kalkül. Hofers wichtigste Wahlkampfstrategie war, so unverbindlich wie möglich zu bleiben. Er sollte wie ein geschniegelter, blauer Posterboy wirken, die perfekte Inkarnation für die patriotische Catchall-Partei, als die sich die FPÖ inzwischen sieht.

Damit lief Van der Bellens ambitionierter links-patriotischer Heimat-Wahlkampf gründlich ins Leere. Schade. Denn über ein zeitgenössisches Verständnis von Heimat hätte man gerade in Österreich, der verspäteten Nation, treffl ich streiten können.

Heimat war lange Zeit ein vergifteter Begriff. Mindestens zwei Generationen von Intellektuellen arbeiteten sich in Anti-Heimatromanen, Anti-Heimatfilmen und Anti-Heimatbewegungen am offiziös verordneten Österreichertum der Nachkriegszeit ab.

Heimat, das war dumpf, zurückgeblieben und bis in die späten 1980er-Jahre gleichbedeutend mit der Verdrängung der Mitschuld am Holocaust, der österreichischen Lebenslüge par excellence. Deswegen nannten sich die Anti-Waldheim-Bewegung "Republikanischer Club -Guppe Neues Österreich". Deswegen lautete eine der Losungen der Österreich-Kritiker stets: Wir wollen ein "anderes Österreich". Diese Sehnsucht nach dem anderen Österreich blitzte im Wendejahr 2000 noch einmal auf.

Die Proteste gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ blieben erfolglos, in dem Sinne, dass Schwarz-Blau nicht gestürzt wurde. Aber sie prägten eine ganze Generation junger Österreicherinnen und Österreicher.

Heimat im politischen Sinne hieß für sie fortan: eine Republik ohne FPÖ an der Macht. Aber gerne mit Volkskunst, Tracht, Naturkitsch und ganz viel regionaler Speis und Trank. Und gerne in dieser urig-romantischen Instagram-Ästhetik inszeniert, die auch

Van der Bellens Wahlplakate prägte. Was ihre Eltern noch als Heimattümelei abgelehnt hätten, sehen die Millennials als neue Europäer deutlich entspannter. Heimat steht für Nachhaltigkeit, Regionalität, Slow Life, für ein wohliges Lebensgefühl. Es ist nur einer von mehreren möglichen Ankern in einer komplexen Bindestrich-Identität. Es ist ein sanfter Patriotismus, der gelernt hat, ohne Vaterland und Muttersprache auszukommen.

Für die FPÖ ist Heimat strammer ausschließend und unteilbar. Sie steht nur Österreichern zu, Xenophilie ist eine Schande. Die "autochthone" Gesellschaft reproduziert sich im Idealfall selbst. Die Frau bleibt im Zweifelsfall zu Hause, so wie Hofers Ehefrau ihren Job als Altenbetreuerin aufgeben wird, wenn ihr Mann in die Hofburg einzieht. Deswegen ist für die FPÖ jede Gebärmutter ein Stück Heimat, von nationalem Interesse. Weil sie, wie es in dem von Hofer mitverfassten Handbuch freiheitlicher Politik so kurios heißt, ja auch der "Ort mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit in Österreich" ist.

Hinter dem patriotischen rot-weißroten Gewimpel der FPÖ und dem pausbäckigen Lächeln Norbert Hofers versteckt sich ein Heimatverständnis, das tief im völkischen Nationalismus des vorigen Jahrhunderts stecken geblieben ist.

Alexander Van der Bellen scheiterte daran, das im Wahlkampf herauszuschälen. Hoffentlich hat es nicht nur Silvia, sondern viele andere trotzdem erfasst.


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