Tiere

Pudels Kern

Kolumnen/Zoo | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Das jetzt in den Medien zu beobachtende Phänomen, geradezu zwanghaft Wortwitzchen über den neuen SPÖ-Chef machen zu müssen (Kernenergie, Kernkompetenz, Kernbeißer etc.), kennt man in der Psychopathologie als läppische Witzelsucht. Es handelt sich dabei aber nur um eine eher leichte psychische Störung mit expansiv-jovialem Sprechdurchfall und grundloser euphorischer Stimmung. Die Witzelsucht verläuft meist ohne Ideenflucht, ein Leitsymptom manischer Erkrankungen, bei dem die Betroffenen beim Reden vom Hundertsten ins Tausendste abschweifen und Sätze meist nicht zu Ende

Sind Sie vielleicht Wechseljuicer? Ich habe diesen schönen neuen Begriff erst jetzt kennengelernt und versuche seitdem, mich identitätsmäßig zu verorten. Wechseljuicer sind eine urbane Elite, die „always on“ und stets auf der Suche nach neuen Ernährungstrends ist. Man liebt Superfood, befürwortet die Nose-to-tail-Bewegung, trinkt Aktivkohle, braucht mit Rhodium energetisiertes Wasser und verwendet Gewürze wie Pandanblätter bei der Zubereitung von Curry-Dals.

Mein Superfood sind Quallen. Für das Wissenschaftsmagazin Nature sind diese gallertartigen Organismen quasi der grüne Tee der Ozeane. Sie haben weniger Kalorien als ein Sumach-Eintopf und schmecken besser als jeder Pudding aus Chia-Samen. Für gewichtsbewusste Flexitarier empfehle ich Gelbe Haarquallen, die mit 4,3 Kalorien je 100 Gramm Feuchtgewicht kein Auge trocken lassen.

Wer es gerne etwas deftiger mag, verwendet Ohrenquallen. 17 Kalorien sind immer noch sehr low carb, geschmacklich hingegen liegen diese Nesseltiere mindestens auf Augenhöhe mit jedem Pulled Pork.

Leider kann man Quallen noch nicht auf Bauernmärkten aus dem Bottich heraus kaufen. Das macht es Wechseljuicern schwer, denn Industrieprodukte aus dem Asia-Markt kommen keinesfalls infrage. Da muss man schon mehr als nur „always on“ sein, um an guten Stoff heranzukommen. Unlängst sah ich bei einem Urban-Gardening-Wettbewerb exotische Balkonbepflanzungen. Außer Bienenstöcken und Insektenhotels gab es aber leider keine Tierhaltung. Dabei wäre doch überall noch Platz für ein paar Quallenbottiche und eine kleine Meerwasseranlage gewesen. Quallen-Carpaccio mit Kleinkrebs-Crumble an Braunalgenschaum, das nenne ich ernährungssouveräne Kernkompetenz.

Und auch den Umgang mit Witzelsüchtigen werden wir noch lernen.


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