Seinesgleichen geschieht Der Kommentar des Herausgebers

Wo bleibt der Aufruf von SPÖ und ÖVP, Alexander Van der Bellen zu wählen?

Falter & Meinung | VON ARMIN THURNHER | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016

Nach dem "Duell", das der Privatsender ATV zwischen den beiden Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten am Pfingstsonntag mit interessanten Rahmenbedingungen veranstaltet hatte, blamierten sich die "Politikberater" ziemlich unisono. Die Rahmenbedingungen dieses Duells orientierten sich am TV-Duell von 1970: es gab keine Vorgaben und keinen Moderator (1970 diskutierte Bruno Kreisky mit Josef Klaus, noch legendärer, schon mit Moderator, Kreisky mit Josef Taus 1975).

Die Blitzrichter in den Social Media waren sich einig. Auch die diversen Politikberater im Studio, von gemütlich-beschaulich bis psychologisch abgründig, von empört bis halbbesonnen, aber immer gern dabei, einigten sich - mit Ausnahme des Chefredakteurs der Presse -darauf, das Duell sei eine Schlammschlacht gewesen, beide Herren hätten das Amt beschädigt und sich dafür disqualifiziert; außerdem hätten sie die Wahlbeteiligung gesenkt. Die Wahl reduzierte sich nach diesen Statements gleichsam auf eine Frage des schlechten Geschmacks, nach dem Motto, einer der beiden bleibt uns sowieso nicht erspart, jetzt ist es schon egal, welcher. Das mediale Echo war auch im deutschsprachigen Ausland recht einhellig mies.

Dass auch die Kampagnenleiter der beiden Kandidaten als Experten mitdiskutierten, dass in einer anderen Runde Hofers FPÖ-Parteigenosse Harald Vilimsky munter mitmischte, spielte dann schon kein Rolle mehr.

Die Blitzrichter bekamen nicht mit, dass sie in dieser Debatte samt Nachspiel nicht nur den Kandidaten, sondern auch sich und der österreichischen Öffentlichkeit ein vernichtendes Urteil ausstellten. Unter den Bedingungen medialisierter Kommunikation sind Politiker nur noch Materiallieferanten; die vorlüstern bebende Mutmaßung eines Politikberaters vor dem Duell, wie viele Untergriffe es danach geben werde, sagt alles. Der Berater konnte sich dann nachlüstern vor Empörung dampfend im Schlammbad wälzen. Dass er selbst ein Teil der Schlammveranstaltung war, schien er nicht zu bemerken.

Wen oder was beraten die Damen und Herren Politikberater, die dann stets das Versagen der schlecht beratenen Personen kommentieren müssen? Und was ist am spindokternden Geschwätz dieser Leute politisch? Erklären sie uns je etwas jenseits persönlicher Befindlichkeiten und demoskopischer Spitzfindigkeiten? Was verstehen die Politikberater unter Politik?

Die These, hier würde ein Amt beschädigt, ist nicht bloß vorauseilend - noch ist keiner der beiden im Amt -, sie ist erschreckend naiv. Der Kandidat Hofer ließ mit teils drohenden Untertönen (ihr werdet euch noch wundern), teils mit eindeutigen Ansagen (Regierung entlassen) überhaupt keinen Zweifel daran offen, dass er gedenkt, dieses Amt zu beschädigen. Wenn man sich denn der Ansicht anschließt, die verfassungsmäßigen Möglichkeiten dieses für einen starken Mann konzipierten Amtes auszureizen hieße, es zu beschädigen. Und das Amt gut zu führen hieße, der Versuchung zu widerstehen, den wilden Mann zu spielen.

Alexander Van der Bellen ließ sich zu Beginn seiner Kampagne ebenfalls zu ein paar Stärkeansagen hinreißen. Mittlerweile hat er klargemacht, dass er das Amt in der Tradition der bisherigen Amtsinhaber fortzusetzen gedenke, als Staatsnotar, der hinter den Kulissen versuchen kann, Einfluss auf die Regierungsarbeit zu nehmen. Aber nicht mehr.

Norbert Hofer ist Straches Handpuppe und hat nun zu erkennen gegeben, dass man hinter seinem falschen Lächeln nicht eine ruhige Honoratiorenpersönlichkeit vermuten soll, sondern einen strammen Rechten sehen muss, der schon deswegen nicht vertrauenswürdig ist, weil er sich selbst betreffende Fragen entweder ausweichend beantwortet, lügenhaft übertreibt (einen einzigen Buhrufer vor dem Studio stilisierte er zu Schmähchören gegen seine Familie um) oder seine Biografie schönt (der Crash-Rhetorik-Trainer, der er jahrelang war, verschwand aus seiner Biografie). So einer zeigt mit dem Finger auf Van der Bellen und ruft: "Haltet den Lügner!"

Alexander Van der Bellen versuchte ein Gespräch zu führen, Norbert Hofer versuchte, als es inhaltlich unangenehm für ihn wurde, es zu zerstören. Van der Bellen ist vorzuwerfen, dass er nicht souverän genug mit den NLP-Pülchereien seines Gegenübers umzugehen wusste.

Als Erster und bis Redaktionsschluss Einziger hat dies der TV-Kritiker der Süddeutschen Zeitung bemerkt. Hofer ließ die Lächlermaske fallen. Ein autoritärer, sadistischer Spielverderber wurde sichtbar. Van der Bellen hat die Situation nicht gut gelöst, er ließ sich provozieren. Aber dieses Duell als Unentschieden zweier Schlammcatcher zu werten, statt darauf hinzuweisen, dass Hofer das Gespräch zerstörte und versuchte, Van der Bellen auf sein Niveau zu ziehen (was teilweise leider gelang), zeugt von Verblendung. Unsere Öffentlichkeit, immer unparteiisch! Unzumutbar, dass so ein Mann Dritter Parlamentspräsident ist. Unvorstellbar, dass er Bundespräsident wird. Bisher war die Wahl des Bundespräsidenten meist (mit Ausnahme Waldheims) ein honoriger Anlass, verdiente Männer und Frauen dem Volk anzubieten, auf dass es sich würdig von ihnen repräsentieren lasse. Typisch österreichisch, könnte man sagen. Man wählte ein Staatsoberhaupt, von dem man wusste, es ähnelt dem Kaiser einer parlamentarischen Monarchie. Das Bürgertum rümpfte über Arbeiterkaiser wie Franz Jonas die Nase, einen Mann, der sich selbst gebildet hatte und dem jeder Anschein von Oberklasse fehlte. Aber es respektierte ihn im Amt.

Selbst bei Kurt Waldheim, ganz und gar Oberschicht und beamteter Diplomat, konnte man sich sicher sein, er würde bei jenem Oberkellnerhabitus bleiben, den ihm die New York Times als UN-Generalsekretär nachgesagt hatte, und die Möglichkeiten seines Amtes nicht ausreizen.

Der Bundespräsident galt als repräsentativer Zierrat das Staates. Kein Amtsträger dachte ernsthaft daran, politisch kreativ zu wirken. Heinz Fischer hätte eine Minderheitsregierung unter Alfred Gusenbauer angeloben können; sie wäre nicht stabil gewesen, also tat es Fischer nicht und beharrte auf Stabilität, auch um den Preis, dass aus Stabilität Lähmung wurde. Alles, nur nicht das Chaos, lautete das Motto unserer Präsidenten.

Wir konnten ihnen darin vertrauen. Nun haben wir einen, der scheut das Chaos nicht. Wir wissen nicht einmal, was wir ihm glauben können. Dank Proteststimmen gegen die beiden Regierungsparteien ist Norbert Hofer 35 Prozent fett geworden. Kann so ein Mann ernsthaft die Hälfte aller Stimmen in Anspruch nehmen? Ist die politische Verpülcherung Österreichs unaufhaltsam?

Ich meine, SPÖ und ÖVP schulden dem Wahlvolk etwas. Erstens haben sie schwache Kandidaten aufgestellt (Franz Vranitzky und Franz Fischler, und wir hätten diese Konstellation nicht). Zweitens hat der Zustand der Koalition Protestwähler zu Hofer getrieben. Drittens starrten Rot und Schwarz die längste Zeit wie Kaninchen auf die Umfrageergebnisse der FPÖ.

Bei ihrer schlaucherlhaften Überlegung: Wenn wir uns als Partei für Van der Bellen aussprechen, schadet es ihm nur, steht die Angst vor einer weiteren Niederlage Pate. Was soll's? Werner Faymann ist abgetreten, mit Christian Kern entfällt ein Grund, aus Protest Hofer zu wählen.

Rot und Schwarz sollten ihre Verantwortlichkeit wahrnehmen. Sie sind aufgefordert, als Parteien, nicht nur als einzelne Personen, einen klaren Wahlaufruf für Alexander Van der Bellen zu auszugeben. Oma und Opa, die Norbert Hofer für nett halten, weil er so freundlich schaut, sollen nicht im Unklaren gelassen werden.

Falls es sich nicht von selbst versteht: Ich wähle Van der Bellen. Gehet hin und tuet desgleichen.

Quelle

Oliver Das Gupta: Van der Bellen gegen Hofer -Österreich oberpeinlich, Süddeutsche Zeitung, 16.5.


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