Samen für die Welt

Fleckvieh aus Österreich wird in die ganze Welt verkauft. Nicht lebend, sondern im Stickstoffcontainer -als Stierejakulat

Landleben | BERICHT: EVA KONZETT | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

In einer Welt, in der die Töchter alles und die Söhne wenig gelten, kann einer wie Rumgo den Tag gelassen angehen. Wer mehr als 20.000 Töchter gezeugt hat, dem gebührt das Nichtstun. Mit halb offenen Augen steht er auf seinem Strohbett, verlagert dann und wann das Gewicht von einem auf das andere Hinterbein und wiegt seinen braun-weiß gescheckten Rücken hin und her. Die kurze Aufregung der anderen, als das Tor geöffnet wurde? Rumgo hat nicht einmal den Kopf umgedreht. So eine Kleinigkeit bringt den fleischgewordenen, mehr als eine Tonne wiegenden Berg längst nicht aus der Ruhe. Nur zweimal in der Woche, da lässt er das Testosteron übergehen. Muss er auch. Denn Rumgo ist ein Zuchtstier, und montags und donnerstags wird hier im niederösterreichischen Kagelsberg bei Ruprechtshofen abgesamt.

In Österreich leben rund 770.000 Kühe und mehr als 90 Prozent von ihnen wurden nicht auf natürliche Art, sondern direkt mithilfe einer Samenportion gezeugt. Beim Menschen nennt man das künstliche Befruchtung, in der Landwirtschaft nennt man es Alltag, egal ob in der konventionellen Variante oder in den Ställen mit angenageltem Biosiegel. Auf den Höfen der deutschen, niederländischen oder südamerikanischen Bauern und erst recht bei den Amerikanern verhält es sich nicht anders. Seitdem das Rindersperma in flüssigem Stickstoff gefroren und wieder aufgetaut werden kann, ist der Natursprung, also der Geschlechtsakt zwischen Bulle und Kuh, auf den Höfen der industrialisierten Welt selten geworden. Umgekehrt ist das nun transportierbare Rindersperma zur internationalen Handelsware aufgestiegen. Durchaus beliebt ist das Fleckvieh, das Tier aus dem deutsch-schweizerisch-österreichischen Dreiländereck, die Kuh der Kindheit mit rotbrauner Zeichnung auf weißem Fell.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige