Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Das beste Geräusch der Welt der Woche

Feuilleton | STEFANIE PANZENBÖCK | aus FALTER 20/16 vom 18.05.2016

Die Welt ist akustisch verseucht. Von lärmenden Autos, kreischenden Stimmen, surrenden Druckern und klappernden Computertastaturen. Es ist Zeit für eine Revolution der Nebengeräusche. Ihre Fahnenträgerin soll die Füllfeder sein.

Mit einem leisen Klacken öffnet man sie, legt die Schutzkappe beiseite, die sich mit einem eleganten Hin-undher-Rollen ins Gleichgewicht begibt.

Mit der gebotenen Feierlichkeit legt man den Füllfederhalter in die Hand, beugt sich über ein, idealerweise leeres, Blatt Papier und setzt die Feder auf. Ein leichter Druck bringt die Tinte zum Fließen und man beginnt zu schreiben, es ertönt ein wohltuendes, kaum hörbares Kratzen. Jeder Buchstabe bekommt eine höhere Bedeutung, jede vollendete Zeile erscheint wie ein Gedicht. Das Wort ist wieder etwas wert. Hält man zum Nachdenken inne, schützt man die Feder wieder mit der Verschlusskappe und legt sie andächtig neben sich. Bis der nächste Gedanke kommt.

Das Kratzen einer Feder auf Papier ist Musik in einer alles übertönenden Umgebung. Es erzeugt ein Gefühl von Ruhe, Bilder einer verträumten Nacht kommen auf, in der man einen Brief geschrieben hat, der tatsächlich etwas zu sagen hatte. Man imaginiert ein Tintenfässchen aus längst vergangenen Zeiten, vor dem eine melancholische Dichterin saß, die einen Weltroman schrieb, der nie das Licht der Welt erblickte, oder man erinnert sich an Momente, in denen man die Feder so lange auf ein Löschblatt gedrückt hat, bis ein Fleck in Form eines Sees entstanden ist.

In einer besseren Welt rüsten die Sounddesigner gegen das omnipräsente Marktgeschrei auf und statten die Bars mit Füllfederkratzmusik aus, wird in den Clubs nach Schreibschrift getanzt, Kalligrafen werden Werbetafeln gestalten.


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