Schuld sind die Wiener

Knapp vorbei! Die FPÖ hat verloren. Gescheitert ist sie ausgerechnet an Straches Heimat

Politik | BERICHT: NINA HORACZEK | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Die Demenzkranken waren es. 30.000 Menschen, die an Alterssenilität leiden, gibt es alleine in Wien, rechnet der FPÖ-Nationalratsabgeordnete Johannes Hübner vor. "Wenn ein Pflegeheim Wahlkarten für sie bestellt, wer kontrolliert, wie diese Menschen wählen?", fragt sich der Abgeordnete. Oder die Wahlkartenauszähler, murrt ein anderer hochrangiger Blauer: "Die werden es schon so deichseln, dass am Ende der Grüne Van der Bellen und nicht unser Norbert Hofer vorne ist."

In der Wiener Alm, dieser rustikalen Skihütte im Wurstelprater, will am Wahlabend keine rechte Partystimmung aufkommen. Die Besucherinnen und Besucher, zum Teil in Dirndl und Trachtenanzug, sitzen brav an den Heurigenbänken.

"Er ist der Bundespräsident der Herzen", ruft FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache seinen Leuten von der Bühne aus zu und umarmt freudig den FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Fußballfans wussten zu diesem Zeitpunkt schon: Dann kann es sich nicht ausgehen. "Meister der Herzen" nannte sich im Jahr 2001 nämlich Schalke 04, als es doch nichts wurde mit dem schon sicher geglaubten Meister in der deutschen Bundesliga.

Aber der Optimismus des Parteichefs springt nicht wirklich auf die Partygäste über. Stattdessen wird am frühen Abend, als Van der Bellen und Hofer in Hochrechnungen noch Kopf an Kopf liegen, im Skihüttenambiente am freiheitlichen Opfermythos gebastelt. Denn daran, dass die FPÖ verliert, müssen die anderen schuld sein.

"Das ist ja immer ein bisschen komisch mit den Wahlkarten", sagt auch Norbert Hofer am Wahlabend und stellt damit schon am Sonntag einen Wahlbetrug in den Raum.

Deutlicher wurde der freiheitliche Generalsekretär Herbert Kickl. Er witterte bereits am Samstag vor der Wahl eine große "Wahlkarten-Verschwörung" und fragte per Presseaussendung, "ob Helfershelfer des gegenwärtigen Politsystems hier vielleicht die Gelegenheit nutzen könnten, dem Wählerwillen zugunsten des Systemrepräsentanten Van der Bellen "nachzuhelfen".

Die Wahrheit ist viel simpler: Die Freiheitlichen haben den Kampf um den Bundespräsidenten ausgerechnet dort verloren, wo sie sich lange Zeit am stärksten fühlten: In Wien, der Stadt von Parteichef Strache und seinem engen Verbündeten, dem Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus.

Wie konnte das passieren?"Es stimmt, in den Flächenbezirken Favoriten, Floridsdorf, der Donaustadt und Liesing haben wir mit einem besseren Ergebnis gerechnet", sagt der Wiener FPÖ-Landesgeschäftsführer Toni Mahdalik, "aber wahrscheinlich waren wir zu optimistisch." Das Land zu erobern, sei für die Freiheitlichen eben leichter, "dort leben halt nicht so viele Studenten". Außerdem sei die Bundespräsidentschaftswahl ein Kampf "Wir gegen die Republik" gewesen, "und das spiegelt sich eben auch im Ergebnis wider".

Das stimmt nur zum Teil. Denn während Van der Bellen alle Bundeshauptstädte erobern konnte, erreichte Hofer auf dem flachen Land durchaus sehr hohe Gewinne. In den Wiener Arbeiterhochburgen wie Favoriten oder auch in Transdanubien holte Hofer nur einige Prozentpunkte, während Van der Bellen in diesen so gar nicht grünaffinen Gegenden abräumte.

"Zum einen ist es Van der Bellen in den letzten vierzehn Tagen gelungen, rauf und runter zu spielen, dass er vielleicht nicht der beste Kandidat ist, aber wenn der Hofer gewinnt, wird alles ganz schrecklich", sagt ein hochrangiger Freiheitlicher.

Es sei der FPÖ im Wahlkampf aber auch nicht geglückt, den Leuten zu vermitteln, wofür EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, die sich beide für Van der Bellen aussprachen, stehen, sagt der Blaue. "Die machen doch eine eindeutig neoliberale Politik." Dieses "Wir gegen die Bösen in Europa"-Gefühl habe Hofer zu wenig vermittelt. Es gäbe aber, speziell in Wien, noch eine zusätzliche Schwierigkeit. "Wir konzentrieren uns zu sehr auf Kommunikation und Showeffekte, aber das Inhaltliche bleibt auf der Strecke. Oder wann hat man etwa beim in Wien so brennenden Thema Arbeitslosigkeit etwas von der FPÖ gehört oder gesehen?" Das schlage sich nun eben im Ergebnis der Hauptstadt nieder.

Alleinige Ausnahme ist Simmering. Nur im einzigen FPÖ-regierten Wiener Bezirk konnte Hofer knapp gewinnen. 50,32 zu 49,68 ging in der Arbeiterhochburg das Match für die Blauen aus. "Wir sind halt viel gelaufen", sagt der freiheitliche Bezirksvorsteher Paul Stadler. "Ich bin sogar mit 40 Grad Fieber auf der Bühne gestanden." Die Bezirks-Blauen organisierten Aktionen im Gemeindebau, luden zu Grätzelfesten ein. "Und wir gehen zu den Leuten", sagt Stadler. "Ab Anfang Juni haben wir ein eigenes Zelt, mit dem wir ein Mal pro Monat die Bezirksvorstehung auf die Straße bringen."

Die FPÖ hat die Wahl verloren -eine Niederlage war das Match um den Bundespräsidenten trotzdem nicht. "Immerhin haben zum ersten Mal fast fünfzig Prozent der Österreicher ihr Kreuz bei den Freiheitlichen gemacht", freut sich Stadler.

Werden Hofers gutes Abschneiden und das verhältnismäßig niedrige Ergebnis in Wien Strache schaden? Neben dem eloquenten und smart wirkenden Hofer sah der FPÖ-Chef durchaus alt aus. Manche Journalisten sahen in Hofer schon eine Alternative zu Strache an der FPÖ-Spitze.

Sie unterschätzen Hofers Loyalität. "Ich lege für ihn meine Hand ins Feuer", sagte Hofer vor einigen Jahren über Strache - und hat sich stets daran gehalten. Schon am Wahlabend gab Hofer dann auch die gemeinsame Marschrichtung für seinen Parteichef und ihn vor. "Wenn ich diesmal nicht Bundespräsident werde", rief Norbert Hofer seinen Anhängern zu, "dann heißt der Bundeskanzler in zwei Jahren Heinz-Christian Strache und ich werde eben vier Jahre danach Österreichs Bundespräsident."

Was sagen die anderen?

"Jede Verallgemeinerung, jede Verleumdung ist mittlerweile in Österreich hoffähig geworden und wird von den Wählern begierig aufgenommen und gespiegelt. Im Wahlkampf ging es längst nicht mehr darum, welcher Kandidat besser für ein Amt geeignet wäre, wer würdig repräsentieren, Sympathien für das Land sichern, Investoren locken, vermitteln und verbinden kann. Nein, diese Wahl hat Norbert Hofer schon gewonnen, selbst wenn er zum Schluss nicht der Sieger sein sollte. Weil er den Menschen suggerierte, was alles gehen könnte mit einem Bundespräsidenten von der FPÖ: mit dem eisernen Besen kehren, das Establishment in seine Schranken weisen, die alte Ordnung wieder zurückholen." Süddeutsche Zeitung (München)


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