Doris Knecht Selbstversuch

Wann ist es jetzt endlich fünf?

Kolumnen/Zoo | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Ich habe also geschlafen bis Sonntagabend, und wie ich aufgewacht bin, war es zwar endlich Sommer, aber es gab immer noch keinen neuen Präsidenten.

Nein, ich habe natürlich nicht geschlafen. Ich habe gearbeitet, eingekauft, gekocht und Wäsche gewaschen, ich war beim Zahnarzt, beim Sport und beim Steuerberater. Ich bin mit einem Flugzeug geflogen und in einem Zug gefahren und dann mit den reizenden Herren Martenstein und Modick auf einem Schiff ein Stück auf dem Rhein runtergeschippert, sehr schön.

Dann bin ich mit dem Zug, dem Flieger und dem Auto wieder zurück, und dann war ich endlich im Waldviertel, und es war plötzlich Sommer, und der Silvester hat, als ich ins Dorf eingebogen bin, geschrien: Kneeeeecht , haaaalt! Bleib stehen, Kneeecht!

D'Ehre, Silvester, was gibt's? Ich wollt wissen, wannst endlich mal was über mich schreibst! Jetzt, Silvester. Und ich hab einen Haufen alte Dachschindeln, die passerten auf deinen Schuppen, da regnet's doch rein. Super, danke, nehme ich gern. Holstas dann! Ja!

Ich habe den Rasen gemäht und mit den Nachbarn ein Glas Wein in der Samstagabendsonne getrunken, während eine Peka im Lagerfeuer glühte, ein schwerer, gusseiserner Topf mit großen Fleischstücken darin, Erdäpfeln und Gemüse, alles schmorte und schmolz unter der Glut zusammen und schmeckte wahnsinnig gut, als es fertig war, sogar den Teenagern.

Die Teenager zogen weiter in ein anderes Haus, und wir tranken noch ein bisschen Wein und aßen die letzten Schokohasen, und dann legten wir uns zur Nacht unter dem vollen Mond. Am Sonntag habe ich einen Paradeiserschutz gebastelt, dann hatte einer der Teenager Geburtstag, der kleine, riesige Horwath, Happy birthday to you!

Der Horwath hatte nach dem Rezept seiner Oma selig wunderbare flaumige Fleischknödel mit Sauerkraut gemacht, es gab Schoko-und Himbeertorte, und wir redeten über die Wahl, die Teenager sehr aufgeregt, obwohl sie noch länger nicht wählen dürfen, wann ist es endlich fünf?

(Und wir erinnerten uns, wie an jedem Kindergeburtstag, an die Kindergeburtstage von damals, an den ersten vor 13 Jahren in Kroatien, an die kleinen, süßen Mausis, die über den Strand krabbelten, mah, und schaut sie euch jetzt an.) Dann war es fünf vor fünf.

Und das ist es jetzt quasi immer noch, am Montagvormittag, und ich stehe vor dem wiederkehrenden Journalismusdilemma, dass zwischen dem Verfassen und dem Erscheinen eines Textes ein weltwichtiges Ereignis steht, das alles ändern wird, und in diesem Fall ist es völlig offen, in welche Richtung.

Vielleicht einfach wieder schlafen gehen, bis zum Abend, oder bis Mittwoch.

Good night and good luck.


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