Alles in Handarbeit

Amerikas anarchischer Animationsfilmer Bill Plympton ist Gast der Vienna Independent Shorts

Lexikon | WERKPORTRÄT: GERHARD MIDDING | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016


Foto: Bill Plympton/Filmmuseum

Foto: Bill Plympton/Filmmuseum

Eine der Anekdoten, die er in Interviews gern erzählt, spielt in seiner Schulzeit. Ein Klassenkamerad, der Schulsprecher werden wollte, bat ihn, ein Plakat für seinen Wahlkampf zu entwerfen. Da der Vor- und Nachname seines Freundes mit dem Buchstaben M begann, zeichnete der junge Bill ein Bild von Marilyn Monroe, das so sexy und anzüglich war, dass ihn der Rektor am nächsten Tag zu sich bestellte.

In einer anderen, schon weniger glaubwürdigen Version der Geschichte malte er auch ein Plakat für den Gegenkandidaten, dessen Anfangsbuchstaben identisch waren mit denen von Brigitte Bardot. Egal, ob wahr oder gut erfunden – man ist verführt, in dieser Anekdote bereits den Kern zu entdecken, in dem das spätere Schaffen Bill Plymptons enthalten ist: den Anspielungsreichtum, die Botschaft hinter der Botschaft, die Lust an Anarchie und Widerspruch sowie seinen Glaube an die provozierende Kraft des Sex.

Plympton ist der große Erotomane unter den Trickfilmern der Gegenwart. Sein Erzählterrain ist die orgiastische Satire. Die Lust erscheint ihm als der schönste, faszinierendste Spezialeffekt. Sie kennt keine Grenzen und (fast) keine Tabus.

Die Verführungsszene zu Beginn von „I Married a Strange Person“ ist ein Kabinettstück seines Talents, Gesten und Requisiten erotisch aufzuladen. Die Lust der beiden Jungvermählten ist ansteckend, bald macht das ganze Ambiente mit: Ein Blumenstrauß und eine Vase, eine Glühbirne und eine Lampe und schließlich ein paar Schuhe verstrickt er in ein zusehends heftiges und reueloses Liebesspiel. Später kopulieren sogar Panzer miteinander, und das nicht mal ungeschickt. Es verwundert nicht, dass Plympton eine Reizfigur ist. Seine Filme sind US-Verleihern meist zu anstößig und radikal, von den einheimischen Fernsehsendern interessiert sich nur MTV für seine Arbeiten.

Zum Kino kam dieser Freischärler spät, erst mit 35 Jahren realisierte er seinen Debütfilm „Boomtown“. Seit dieser 1985 in Annecy lief, ist er ein gern gesehener Gast auf internationalen Filmfestivals („Push Comes to Shove“ gewann in Cannes 1991 einen Kurzfilmpreis) und hat immerhin zwei Oscar-Nominierungen erhalten.

Er arbeitet fernab von Hollywood, in einem kleinen Studio im New Yorker Stadtteil Chelsea. Dort schart er einen überschaubaren Stab von Mitarbeitern um sich. Die wichtigste unter ihnen ist Maureen McElheron, die für ihn vergnügt heterogene Soundtracks beisteuert und anfangs auch Drehbuchideen. Vom Buch bis zum Marketing legt der wacker Unabhängige in jeder Phase des Schaffensprozesses selbst Hand an. Mit jedem Langfilm häuft er einen Berg von Schulden an, den er dann langsam wieder abbauen muss.

Seine Filme verraten eine tiefe Skepsis gegenüber Autoritäten und Institutionen, hintersinnig loten sie Machtverhältnisse und soziale Hierarchien aus. Sein Zeichenstift entwickelt eine kinetische Energie, die sämtliche Ordnungen sprengt. Die Gags reiht er wie Perlen an einer Kette auf; erst beim zweiten Hinsehen entdeckt man, dass sie gezündete Dynamitstangen sind.

Seine Fantasie ist gefräßig, die Ideen verschlingen einander geradezu. Situationen dekliniert er mit unerschöpflichem Einfallsreichtum durch und findet stets neue, ungekannte Varianten. Regelmäßig greift er frühere Ideen und Motive auf. Bei „Guide Dog“ und „Hot Dog“ verraten schon die Titel die Abstammung vom Oscar-nominierten „Guard Dog“. Bereits in „Your Face“ entdeckt Plympton 1987 die Magie der Transformation. In seinen Filmen ist alles im Fluss. Die Welt wird unablässig von Instabilität bedroht. Figuren und Objekte besitzen keine Integrität, auf die man sich verlassen könnte.

Die kleinbürgerliche Idylle erweist sich in „I Married a Strange Person“ als Albtraum, birgt ungeahnte Schrecken, wenn sich etwa der Rasen für das Gemähtwerden rächt. Freilich sind die Verheerungen stets umkehrbar, erweist sich die Physiognomie der Charaktere als elastisch und ihre Vitalität meist als unverwüstlich.

Darin zeigt sich ein verquerer Optimismus. Denn im Durchbuchstabieren physischer Möglichkeiten steckt ein sehr amerikanischer Glaube an die Flexibilität der Persönlichkeits- und Lebensentwürfe: Jeder hat die Chance, über sich hinaus zu wachsen und ein anderer zu werden. Trotz ihres Sadismus und ihrer subversiven Fantasie besitzen seine Filme einen Rest an Unschuld und Naivität. Bei allem Spott, den Bill Plympton über die USA vergießt, hält er es für keinen Fehler, dort geboren zu sein.

Das Kurzfilmfestival VIS findet von 25. bis 31.5. statt. Information: www.viennashorts.com


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