DIE VERMESSUNG DES EGO

Partnerschaften, Kinder, Haustiere, die eigene Psyche. Wie die virtuelle Vermessung zum globalen Kontrollinstrument wird


BETRACHTUNG: BIRGIT WITTSTOCK

Medien | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016


Illustration: Daniel Jokesch

Illustration: Daniel Jokesch

Ein junger Mann, Typ unauffälliger Büromensch, kommt von der Arbeit nach Hause. Auf den Stiegen zum Schlafzimmer findet er BH und Oberteil seiner Freundin, die sich – lediglich in ein Leintuch gewickelt – versteckt, um ihn zu verführen. Doch statt dass die beiden im Bett landen, landet lediglich die verstreute Wäsche im Wäschekorb. Ein Verführungsversuch nach dem anderen scheitert, also versucht sie es auf dem virtuellen Weg: Schnell tippt sie auf dem Smartphone herum, sie platziert es wie zufällig auf der Anrichte, schon beißt ihr müder Lover an.

Mit gerunzelter Stirn und ungläubig zusammengekniffenen Augen liest er auf dem Display „Spreadsheets“. Das Gerät in der Hand und den Blick auf dem Bildschirm, schlendert er ins Schlafzimmer, wo ihn seine Freundin bereits im Negligé erwartet. In rot-schummrigem Licht passiert es dann endlich: Das Paar küsst sich, der Zipp seiner Jeans wird hastig runtergezogen, mit einem geübten Handgriff lässt er ihren BH aufspringen. Ein kurzes Stöhnen später liegen sie nebeneinander im Bett und schauen lächelnd aufs Handydisplay. Cut.

Was wie eine Szene aus einem einfallslosen Sexfilm anmutet, ist ein Werbeclip für die Sex-Tracking-App „Spreadsheets“, deren Claim „Data. In bed.“ lautet. Mit der App des US-amerikanischen Start-ups kann man die eigene Sexperformance sowie die des Partners verfolgen. Gemessen werden Dauer, physische Leistung (angegeben in TPM – Thrusts per Minute, also Stöße pro Minute) und Dezibel. Die aufgenommenen Daten spuckt das Programm am Ende des Akts, unterteilt in die Kategorien „Performance“, „Stamina“ (Durchhaltevermögen) und „Pleasure“, aus: Bunte Balkendiagramme zeigen an, wie viele TPM man bei der letzten „Session“ abgeliefert hat und vergleicht sie mit dem persönlichen Durchschnitt, dem persönlichen Rekord und beziffert am Ende noch ein Leistungsziel. Schließlich, so die Message der Software, ist jeder Lebensbereich optimierbar. Auch das Sexleben.

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