Fotografie Vernissage

Typisch Wien durch die Linse des Briten

Lexikon | NS | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Ist sein Blick auf die Menschheit nun boshaft oder nicht? Das Kunsthaus Wien eröffnet eine große Retrospektive des Fotografen Martin Parr, der für seine Porträts der britischen Gesellschaft bekannt wurde. Im Jahr 1985 gelang Parr mit seiner Strandfotoserie "The Last Resort", die die sonnenhungrige Arbeiterklasse ins Visier nahm, der Durchbruch. Diese ungeschönten Schnappschüsse vom heruntergekommenen Seebad New Brighton bei Liverpool wurden auch als repräsentativ für die Thatcher-Ära gesehen, in der die Working Class einen Niedergang erlebte.

Der Strand hat den 64-jährigen Fotografen, der selbst gar nicht schwimmen kann, seither nie mehr losgelassen. Parrs Blick findet dort soziologisches und satirisches Potenzial. Für seine knalligen Aufnahmen standen amerikanische Pioniere der künstlerischen Farbfotografie wie William Eggleston und Stephen Shore Pate. Die spezielle Ästhetik entsteht auch durch die Verwendung von Blitz und Nahaufnahmen.

Dennoch entbrannte eine Debatte über Parrs Arbeit, als er Aufnahme in die Fotoagentur Magnum beantragte. Humanistisch eingestellte Kritiker fanden Parrs Zugang einfach nur bloßstellend und lehnten seine Aufnahmen als reißerisch ab. Schließlich wurde er aber doch Magnum-Mitglied und zählt heute zu ihren gefragtesten Vertretern.

Gerne übernimmt Parr auch lokale Aufträge. So hat er am Strand von Nizza oder beim Poloturnier in St. Moritz die Kamera gezückt. Nun war der Engländer für mehrere thematische Serien in Wien unterwegs. Im Prater, auf Bällen, im Schrebergarten und in Konditoreien wurde Parr fündig und breitet seine Eindrücke unter dem Titel "Cakes and Balls" aus. Dass er keine Angst vor Klischees hat, dürfte dem Briten dabei sehr zugutekommen.

Kunsthaus Wien, Do 19.00, bis 2.11.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige