Wiener Festwochen Tipps

Alltag und Gewalt, Ehrgeiz und Gebärde

Lexikon | MARTIN PESL | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Drei Pausen auf einer Strecke von 255 Minuten: Das ist schon einmal ungewöhnlich. Auch kurios an Timofej Kuljabins zu den Wiener Festwochen eingeladenen Inszenierung des Tschechow-Klassikers "Drei Schwestern" ist, dass die meisten Figuren in russischer Gebärdensprache kommunizieren, während die deutsche Übersetzung auf Übertiteln mitläuft. Kuljabin lotet die Grenzen des "Sprech"-Theaters aus - klingt auf jeden Fall interessanter als die todlangweilige Inszenierung des gleichen Stückes, die derzeit am Burgtheater zu sehen ist. (Museumsquartier, Halle G, 27. bis 30.5.)

Im Brut gastiert unterdessen eine weitere Festwochen-Produktion, die kurz und knackig ist und daher gleich dreimal pro Tag gezeigt wird: "Mi gran obra (un proyecto ambicioso) / Mein großes Werk (ein ehrgeiziges Projekt)" des in Mexiko geborenen bildenden Künstlers David Espinosa. Dessen Ehrgeiz besteht unter anderem darin, ein Figurentheater aufzuziehen, obwohl er kein Puppenspieler ist. Das Ergebnis ist ein witzig den Alltag unterlaufendes Minitheater, für das man schon ab Reihe zwei ein Opernglas braucht. (Brut, 28.5. bis 2.6.)

"Naše nasilje i vaše nasilje /Unsere Gewalt und eure Gewalt" heißt Oliver Frljićs Bearbeitung des monumentalen Romans "Die Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss. Mit seinen Gedanken über Kunst und Macht ist der Stoff erstens hochaktuell, zweitens perfekt für den bosnischen Regisseur, der sich an der Weltfremdheit des Theaters derzeit gern abarbeitet. (Schauspielhaus, 29.5. bis 1.6.)

Auch die Rumänin Gianina Cărbunariu verhandelt ein aktuelles Thema. Sie hat für ihre Stückentwicklung Whistleblower aus verschiedenen Ländern interviewt und festgestellt: Die Snowdens dieser Welt sind "Oameni obişnuiţi /Gewöhnliche Menschen" (Theater Akzent, 31.5. bis 2.6.)

Information: www.festwochen.at


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