Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die beste Entdeckung der Welt der Woche

Feuilleton | MICHAEL OMASTA | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Um zu zeigen, dass sie Filme machen kann, gestand Susan Sontag, als sie 1969 beim New York Film Festival überraschend ihr Regiedebüt vorstellte, wäre sie bis nach Afghanistan gegangen. Tatsächlich musste sie für "Duett för Kannibaler" nur nach Schweden gehen; der Überraschungseffekt jedoch hält in gewisser Weise bis heute an.

Denn kaum jemand weiß, dass sich die Essayistin und Erzählerin, die in den 1960ern zur Ikone einer neuen Generation von Intellektuellen wurde, auch als Filmemacherin versucht hat. Und von diesen wenigen haben die allerwenigsten ihre Filme gesehen.

Eine Retrospektive, die der Berliner Filmpublizist Ralph Eue für die Wiener Festwochen zusammengestellt hat, bot vorige Woche die seltene Gelegenheit, diese Bildungslücke zu schließen. Und das durchaus mit Gewinn.

Die sechs Filme, die Susan Sontag im Lauf der Jahre realisiert hat, belegen nicht nur die ungeheure Bandbreite ihrer Interessen: vom Nahostkonflikt ("Promised Lands") über modernes Tanztheater ("A Primer for Pina") bis zur Literaturverfilmung ("Unguided Tour") nach einer Geschichte aus ihrem Erzählband "Ich, etc.". Sondern sie belegen auch, dass Sontag keinen Unterschied zwischen Spiel-und Dokumentarfilm, der großen und kleinen Form machte. Kurz, sie hatte das Zeug zur "totalen Filmemacherin".

Schon ihr "Duett für Kannibalen" steckt voll toller Ideen. In dem heiter verqueren Surrealismus des Films findet man umgesetzt, was sie in ihrem berühmtesten Essay gefordert hat: "Gegen Interpretation".

Sontags bevorzugte Filmemacher sind bekannt; die Wirkungsgeschichte ihrer eigenen Kinoarbeiten wäre noch zu erforschen. Rainer Werner Fassbinder etwa soll "Duett" gesehen, in seinem Bann "Warnung vor einer heiligen Nutte" gedreht haben.


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