Film Neu im Kino

Laut &luzid: Techno-Fantasy "Der Nachtmahr"

Lexikon | DREHLI ROBNIK | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Schnell kann' s gehen: Eben noch angehende Bikini-Techno-Prinzessin am Berliner Party-Pool, die das Auge des (trotz Gipsbein und feister Fresse) umschwärmten Jung-DJs auf sich lenkt, stürzt die 18-jährige Tina jäh in Dauerzustände von Peinlichkeit und Ausschluss. Das macht "Der Nachtmahr".

Der ist zum einen ein Alptraum, der in den Alltag sickert, Abläufe verwirrt, aber auch klar sehen lässt, wie viel Normalisierungszwang in kess optimierten Nächten und behüteten Schulmädchen-und Mittelstandstochtertagen steckt. Zugleich ist er lapidar verkörpert als elendes Wesen, das an Zwerg Nase, Alien-Embryo und E.T. erinnert. Einfach so taucht er auf in Tinas Leben, beansprucht raschelnd (wie der "Exot" aus "Dark Star") ihre Fürsorge; sie teilt Jugendzimmer, Eiskasten, offenbar auch das Nervensystem mit ihm. Eltern, Freundinnen, der obergscheite Therapeut, sie sehen ihn nicht, glauben ihr nicht; Tina wird in aller Behutsamkeit pathologisiert und weggedrängt. Zusammenleben ist der Horror. "Ich bin doch kein Freak!", protestiert sie, darauf Mutter: ",Freak' ist ein ganz blödes, diffamierendes Wort."

Solche Momente (auch der auf Tinas Geburtstagsgabentisch gelegte Psychiatrieklinik-Folder) arbeiten heraus, wie im Spaß-Idyll Druck aufgebaut wird. Druck (und Spaß) macht auch das grelle Styling von "Nachtmahr"-Regisseur AKIZ: abrupte Übergänge in superlautem Techno und Industrial, Teeniehaut in Strobolicht, Milieumurmeln. Kim Gordon (Ex-Sonic Youth) fällt auf als Lehrerin, die ihre Klasse William-Blake'sche Gebärpoesie diskutieren lässt, Carolyn Genzkow brilliert als Gör mit Schnoferl, die zu sich steht -zu ihrem monströs externalisierten Defizienz-Selbst -und deshalb geht. Springbreakerin haut ab aus dem Springbreak. Du bist Ding, also hab dich lieb und dreh auf. Guter Film!

Ab Fr in den Kinos


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