Buch der Stunde

Es wird ephemer, und die Saurier haben's schwer


KLAUS NÜCHTERN
Feuilleton | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016

Wer dem vor einem Jahr viel zu früh verstorbenen Siegfried Mattl verlässlich zufällig begegnen wollte, begab sich am besten ins Filmmuseum. Mattl war aber nicht nur Cineast, er hat sich auch als Zeithistoriker ausgiebig mit dem Film befasst, wie der Sammelband "Die Strahlkraft der Stadt" belegt. In seiner so luziden wie persönlichen Einleitung legt der Herausgeber Drehli Robnik zentrale Motive und Bezüge Mattls frei. Die zwei Dutzend Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 2002 bis 2015 hat er nicht chronologisch, sondern in drei großen thematischen Blöcken angeordnet, die sich dem historischen Wien, Forschungsfragen und dem Film als erinnerungspolitischem Kampfplatz widmen.

Mattls "machtkritische, demokratisch-utopische Hinwendung zu den ,schäbigen' und ,verachteten' Bild-Dingen"(Robnik) führten ihn fast zwangsläufig zum "ephemeren" Film. Dieser widersteht den Ordnungsansprüchen sinnstiftender Narration, sodass etwa die Polizeiaufnahmen aus dem März 1938 den chaotischen und karnevalesken Charakter des "Anschlusses" preisgeben und ein anonymer Film mit Königspudel vor einem Hitler-Altar zum "Monument einer kaleidoskopischen Groteske" gerät.

Ein ebenso anspruchsvolles wie amüsantes, konkrete Anschauung mit abstrakter Reflexion verbindendes Gustostückerl liefert Mattl in seinem Essay "Film versus Museum". Das Saurierskelett aus Howard Hawks Screwball Comedy "Bringing Up Baby" (1938) und das Monster, das in Peter Hyams Horrorfilm "The Relic"(1997) im Museum of Natural History Chicago wütet, interpretiert er als Akteure / Requisiten im Kampf "zwischen ,harter' Moderne und gegenkulturellen Mythen". Und als genuiner Dialektiker zeigt Mattl, wie der Film die Affekte gegenüber dem distanzierten Blick ins Recht setzt, aber just dadurch seinem "Gegner" Museum dazu verhilft, die erstarrte Ordnung zu überwinden und die Idee der Authentizität zurückzugewinnen. Brillant!

Präsentation am 1.6. um 20.30 im Österreichischen Filmmuseum


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