Tiere

Riechtungslos

Kolumnen/Zoo | aus FALTER 21/16 vom 25.05.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Ich rieche gut. Natürlich auch mein Körper selbst, dessen feine Duftnote aus Chypre, Moschus und Eichenmoos von Sitznachbarn besonders geschätzt wird. Aber ich kann vor allem die verschiedenen Aromen der Natur gut unterscheiden. So wie bei Marcel Proust der Geschmack eines in Lindenblütentee getunkten Gebäckstücks ein sensorisches Erinnerungsfeuerwerk auslöst, so spüre ich beim Anblick von Waldhimbeeren noch immer das intensiv duftende Sekret der Grünen Stinkwanze auf meiner Zunge, die sofort zu einem kleinen pelzigen Klumpen zusammenschrumpelte und die mich daran hinderte „Jöh! Trans-2-Heptenal!“ auszurufen.

Es gibt aber Menschen, die neuen Gerüchen nicht so aufgeschlossen gegenüberstehen. Manchmal mögen sie nicht einmal bekannte Düfte an neuen Orten, was Proust sehr elegant so beschrieb: „Spargel kann sogar ein Nachtgeschirr in ein Duftgefäß verwandeln.“

Ich rieche jedenfalls zur Artbestimmung auch an Tieren. Und diesen Rat gab ich vor kurzem auch einer Freundin, die eine große Tier-Drama-Queen ist. Ihre Mails beginnen meist mit „Hilfe“ und enden mit einer dystopischen Vision, in der alle Menschen, Haustiere und Gemüsepflanzen zwischen Scheibbs und Nebraska dem wilden Wüten wahnsinniger Wildtiere zum Opfer gefallen sind.

Auf einem sehr vorwurfsvollen Foto waren ein Spaten, etwas Erde und die Raupe eines Weidenbohrers zu erkennen. Die Raupe ist eigentlich nicht mit anderen zu verwechseln: der Rücken glänzt in Dunkelrot und kontrastiert sehr schön zum orange gefärbten Körper, der sich klar von der schwarzen Kopfkapsel absetzt. Als Fundort wurde „Beet“ angegeben.

Die Larven dieses Nachtfalters findet man oft im Holz alter Weiden. Bevor sie sich jedoch verpuppen, verlassen sie den Baum und graben sich im Boden ein. Zu diesem Zeitpunkt riechen sie besonders stark nach Essig. Dieser Geruch und damit Geschmack machte die Raupe im alten Rom zu einer begehrten Delikatesse.

Leider konnte sich besagte Freundin weder für die olfaktorische Möglichkeit, befallene Bäume am Duft zu erkennen, noch für die lukullische Option erwärmen. Leicht pikiert – aber vielleicht überinterpretiere ich den Geruch ihrer Antwort – ließ sie mich wissen, dass sie niemals an irgendwelchen Larven röche. So beraubt man sich selbst um wichtige Erfahrungen. Jane Goodall antwortete in einem Interview im Onlinemagazin Bioskop auf die Frage, wonach Schimpansen riechen würden: Ein bisschen nach Gorilla.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige