Im blauen Land

In keinem anderen Bundesland konnte die FPÖ bei der Präsidentschaftswahl so sehr punkten wie im Burgenland. Ist das traditionell rote Burgenland gar das neue Kärnten?

Politik | REPORTAGE UND FOTOS: NINA HORACZEK | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016

Am Ende der Welt steht ein Sackgassenschild. Mitten im Wald endet die Straße. Die Grenze zu Ungarn weit hinter den Bäumen wirkt, als hätte es das Jahr 1989 hier nicht gegeben. "Ja, wir sind hier wirklich am Ende der Welt", sagt der junge Mann, der gerade seinen Hund ins Auto packt. Hier gebe es nichts, kein Wirtshaus, nicht einmal einen Greißler. Dafür viele Norbert-Hofer-Wähler.

Wenn Sozialdemokraten träumen, dann normalerweise von Orten wie Tschanigraben, der drittkleinsten Gemeinde in Österreich. Hier schwankt die SPÖ in der Wählergunst stets zwischen 70 und 80 Prozent. Hier konnte sogar der glücklose SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer im ersten Bundespräsidentschaftswahlgang 55 Prozent der Wähler für sich gewinnen.

Die saftig grünen Wiesen sind akkurat geschnitten, die Hauseingänge mit Blumen verziert, und alle paar Meter lädt ein Bankerl zum Ausrasten ein. Die Tschanigrabener sind lustige, zufriedene Leute. Die Türen der meisten Häuser sind unversperrt, außer einem Fuchs schaut hier selten wer vorbei. Weil ihnen das Land keinen Straßennamen schenkte, Tschanigraben auf der Postadresse müsse reichen, haben sie sich einen eigenen gemacht. "Prominentenstraße" tauften sie die Hauptstraße der 70-Einwohner-Gemeinde.

"Aber diesmal ist uns die Wahl danebengegangen", schimpft Prominentenstraßenbewohner Alfred Santa. Das rote Tschanigraben war am Wahlsonntag blau. 57,1 Prozent entschieden sich für Norbert Hofer.

Tschanigraben ist kein Einzelfall. Je tiefer man ins Burgenland fährt, umso blauer wird es. Oberwart 68 Prozent für Hofer, Güssing 65,1 Prozent, Jennersdorf sogar 69,6 Prozent. In 165 von 171 Gemeinden hatte Hofer die Nase vorn. Nur in der Landeshauptstadt Eisenstadt konnte sich Van der Bellen mit 50,34 Prozent ganz knapp gegen Hofer durchsetzen.

Für seine Tschanigrabener hat Pensionist Santa eine Erklärung: "Die vielen Vorfälle in Wien, dass ein Ausländer am Brunnenmarkt eine Frau erschlagen hat, und dazu die Hetzerei von den Freiheitlichen, das hat den Leuten so viel Angst eingejagt." Sie lesen die Zeitung "und fürchten sich, dass sie überfallen werden, wenn sie nach Wien fahren". Und sie hätten gedacht, nur die FPÖ verhindere, dass die Ausländer kommen. Dabei gibt es in Tschanigraben keine Ausländer. Flüchtlinge schon gar nicht.

Es gibt viele Erklärungen, wieso die Freiheitlichen bei der Bundespräsidentenwahl im Burgenland am besten abschnitten.

Eine ist der Hofer-Faktor. Wen sollen die Burgenländer sonst wählen, wenn nicht einen Landsmann? Hofer stammt nicht nur aus dem südburgenländischen Pinkafeld, er hat sich auch seit 1995 als burgenländischer FPÖ-Politiker einen Namen gemacht.

"Der Hofer ist halt ein g'miatlicher Kerl", sagen die beiden Taxifahrer aus Pinkafeld, die gleich hinter der Pestsäule mit der goldenen Maria auf die nächsten Kunden warten. Seine Eltern seien Türken, sagt einer der beiden, "aber ich hab trotzdem den Hofer gewählt, weil so Leute wie mich, die was arbeiten, die will er nicht rausschmeißen, nur die Asylanten, die sollen gehen". Der Grüne Van der Bellen sei gar nicht infrage gekommen, sagen die Taxler. "Was will der Alte denn? Jeder vernünftige Mensch geht doch mit 60,62 Jahren in Pension!"

"Zu 80 Prozent ist der Wahlerfolg im Burgenland Verdienst von Norbert Hofer", sagt der burgenländische FPÖ-Chef Johann Tschürtz, der seit vergangenem Jahr auch Vizelandeshauptmann einer rot-blauen Landesregierung ist. "Aber durch unsere rot-blaue Zusammenarbeit in der Landesregierung haben die Burgenländer auch gesehen, dass wir Freiheitlichen gar nicht gefährlich sind."

Wenn Ernst Simitz, roter Bürgermeister von Tschanigraben, seinen Bürgern beim Diskutieren zuhörte, kam das Flüchtlingsthema besonders oft vor: "Es gibt zwar weder bei uns noch in den Ortschaften rundherum Flüchtlinge", sagt der Bürgermeister, "aber die Leute haben ganz offen gesagt,,sonst wähl ich rot, aber heute wähl ich blau, weil mit dem Van der Bellen kommen noch mehr Flüchtlinge ins Land".

Besonders eingeschlagen hat die Angst vor Asylwerbern im Örtchen Wiesfleck, einem Nachbarort von Hofers Heimatgemeinde Pinkafeld. In Wiesfleck steht seit vorigem Herbst ein Erholungsheim leer, das zuvor von Pensionisten und von Menschen mit Behinderungen bewohnt war.

"Dort könnten, Gerüchten zufolge, 150 oder mehr Flüchtlinge untergebracht werden", schrieb die FPÖ in einer Postwurfsendung. Im Ortsteil Wiesfleck-Schreibersdorf wären dann 65 Prozent der Bewohner Flüchtlinge, warnten die Freiheitlichen.

Da nutzte es nicht, dass der Bürgermeister sogar zur Infoveranstaltung lud, um seinen Bürgern zu sagen, es komme kein Flüchtlingsheim. 83 Prozent der Wiesflecker wählten Hofer.

"Hier vermischt sich eine Zukunftsangst, die bei Menschen mit geringer Ausbildung und Mobilität durchaus gerechtfertigt ist, mit der Sehnsucht nach einfachen Lösungen, auch und besonders, was Ausländer und Flüchtlinge betrifft", sagt Georg Hoanzl, Chef der Kulturagentur Hoanzl, der bis heute täglich eineinhalb Stunden aus dem tiefsten Burgenland nach Wien pendelt. Dabei seien die Burgenländer im realen Leben äußerst hilfsbereit. "Aber auf einer abstrakten politischen Ebene werden die Furcht vor dem Fremden und die Angst um die eigene Zukunft gegen diese reale Hilfsbereitschaft instrumentalisiert."

Nur das kleine Stinatz, diese deutschkroatische Gemeinde nahe Oberwart, blieb rebellisch. Dort stimmten 64,4 Prozent für Van der Bellen. "In Stinatz gab es immer schon Flüchtlinge", sagt der burgenländische Kabarettist Thomas Stipsits, der dort aufgewachsen ist. "Aber eine Gemeinde weiter gibt es keinen einzigen Flüchtling, und Hofer hatte 70 Prozent."

Ein neues Kärnten sei das Burgenland aber trotzdem nicht. Vielmehr sei wohl gerade das Südburgenland der Underdog, der es denen da oben jetzt einmal gezeigt habe. "Das Verhältnis Nord-und Südburgenland war immer ein bisschen wie Nord-und Süditalien", sagt Stipsits. Dort der reiche Norden mit dem beliebten Neusiedler See und unten der arme Süden, den man mit Eisernem Vorhang und Ziel-1-Fördergebiet verbindet. Dabei wurde aus dem einstigen Armenhaus Österreichs, in dem noch in den 1970er-und 1980er-Jahren Kanalisation und asphaltierte Straßen keine Selbstverständlichkeit waren, ein aufstrebendes Land. Und eines mit der höchsten Maturantenquote von ganz Österreich.

Das ist vor allem der EU zu verdanken. Seit 1995 pumpte die Union mehr als eine Milliarde Euro in diese einst so strukturschwache Region. Dankbarkeit ist aber keine politische Kategorie. Waren die Burgenländer beim EU-Beitritt mit 75 Prozent noch die größten Befürworter, finden heute nur mehr zwölf Prozent, die EU sei eine gute Sache.

Dafür holt das lange geprügelte Selbstbewusstsein dieses jüngsten Bundeslandes auf. Meinte einst der damalige Bundeskanzler Fred Sinowatz über den Minderwertigkeitskomplex seiner Heimat, werde ein Burgenländer gefragt, woher er stamme, laute die Antwort "aus der Nähe von Wien", sagte der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl bei seinem zehnjährigen Amtsjubiläum: "Wir sind wieder stolz, Burgenländer zu sein." Erst 1921, mit dem Friedensvertrag von Versailles, kam das Burgenland von Ungarn zu Österreich. Lange Zeit gab man dem Burgenland nicht, sein Ego zu entwickeln. Schon 1938 wurde es von den Nazis wieder auf die Gaue Niederdonau und Steiermark aufgeteilt.

Nach 1945 war das Burgenland dann vor allem das Land der armen Wochenpendler, die ihre Kinder bei Großeltern und Tanten zurückließen. In den 1960er-Jahren meinte der Ökonom Kurt Rothschild über das Burgenland: "Hier erbte Österreich ein Stück aus dem unterentwickelten Teil der Habsburgermonarchie." Im Landesmuseum in Eisenstadt ist bis heute ein ausgebleichter Blaumann mit dickem, rotem Bauarbeiterbleistift in der Brusttasche ausgestellt. "Arbeitskleidung eines Pendlers aus dem Baugewerbe" ist darunter zu lesen.

Die Burgenländer waren immer Arbeiter. Auch wenn das Land flach und die Landschaft grün ist, ein echter Bauernstand hat sich hier nie herausgebildet. Bis heute sind zehn Prozent des Burgenlandes im Besitz der Stiftungen des Fürsten Esterházy. Als in Österreich der Adel abgeschafft wurde, gehörte das Burgenland zu Ungarn. Danach lösten die Landesfürsten den Adel ab. Zuerst Theodor Kery, ein roter Patriarch mit Nazi-Vergangenheit, der auch gegenüber der FPÖ keine Berührungsängste hatte.

Seit dem Jahr 2000 regiert der Sozialdemokrat Niessl, seit 2015 mit der FPÖ. Grenzen dicht, kein Asylzentrum, nur österreichische Arbeiter auf dem Bau und Sozialleistungen für Ausländer kürzen .Zu diesen Forderungen der Niessl-SPÖ bleibt der FPÖ nur, "Wir auch!" zu rufen. Wen wundert es da, dass es für die Mehrheit der Burgenländer kein Problem war, diesmal von Rot auf Blau auszuweichen.

61,4 Prozent der Burgenländer entschieden sich für Norbert Hofer

50,3 Prozent der Wähler in ganz Österreich wollten Alexander Van der Bellen als neuen Bundespräsidenten


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