Film Neu im Kino

Small film, big thrill, Nazis an der Tür: "Green Room"

Lexikon | DREHLI ROBNIK | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016

Warum heißt ein US-Film über einen von Rechtsextremen belagerten Fluchtraum schlurfiger Linker just "Green Room"? Spielt das auf den titelgleichen François-Truffaut-Film von 1978 an? Nun, mit "La Chambre verte" hat Jeremy Saulniers Survivalthriller nur gemeinsam, dass Wände (und Gewänder) mit Bildern und Insignien verehrter Ahnen übersät sind. In "Green Room" sind das Fugazi-Aufkleber und Dead-Kennedys-T-Shirts der Belagerten sowie Hakenkreuzposter und White-Power-Bomberjacken der Belagerer. Eine Hardcore-Punkband von Nicht-mehr-Collegekids an der Armutsgrenze gerät in eine von Skinheads betriebene Konzerthalle. Als Zufallszeugen eines Mordes unter Neonazis mit dem Tod bedroht, verschanzen sie sich im versifften Backstageraum.

Saulnier, Regisseur mit Skatepunk-Vergangenheit, setzt Lagerbildung als gegeben voraus und zielt - an psychologischer Vertiefung wohltuend vorbei - auf die Entfaltung der ebenso minimalistischen wie ergiebigen Situation. "Green Room" hält sich ganz an Pragmatik und ihre Details: kleine räumliche und personelle Frontverschiebungen, Infrastrukturen und Techniken (Brechen eines Armes, Verbinden einer Wunde mit Gaffertape), improvisierte Kooperation und waffentaugliche Objekte (Feuerlöscher, Mikrofon-Feedback, Kampfhundgebiss). Das macht ihn zugleich packend und cool. Drastisch die Action, einfühlsam die Kamera, leicht skurril das ausrinnende Ende, delikat die Besetzung: Anton Yelchin als fragiler Bassist, Patrick Stewart als Obernazi, die mitreißende Imogen Poots als Skinhead. Ein starker Eintrag im Geist Walter Hills und John Carpenters in die Liste aktueller Klaustrophobiefilme. Der 62-Sekunden-Song der Dead Kennedys, den die Band im Film auf 75 Sekunden zerdehnt covert, heißt "Nazi Punks Fuck Off". Zeitlos wahr und schön.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis)


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