Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Avantgarden

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016

Der Soziologe Ulrich Beck, zu Gast bei den Wiener Vorlesungen, gab Thomas Seifert und Klaus Taschwer ein Interview, unter anderem über die Zukunft des Kapitalismus. Er forderte eine Debatte über Demokratie jenseits der Arbeitsgesellschaft, denn der bisherige Gesellschaftsvertrag zwischen Arbeit und Kapital werde gerade aufgekündigt. "Das wird daran deutlich, dass Unternehmen ganz neue Handlungschancen offenstehen: Sie sind in der Lage, hochdotierte Arbeitskraft interkontinental durch gering bezahlte Arbeit zu ersetzen -es gibt zurzeit einen globalen Arbeitsmarkt. Das ist das eine. Das andere ist: Sie können Steuern minimieren und gleichzeitig den Wohnort so wählen, dass sie selbst die besten Infrastrukturleistungen in Anspruch nehmen. Hier deutet sich eine Ungerechtigkeit an, die die bisherigen Grundlagen des kapitalistischen Gesellschaftsvertrags aufhebt."

Beck ist mittlerweile verstorben. Der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer war schon länger tot; eine Festwochen-Aktion lud zu Doderer-Spaziergängen. Ernst Strouhal beschrieb bei dieser Gelegenheit die drei Fraktionen der Anhängerschaft des Wiener Autors. "Da waren die entschlossenen, ein wenig tantenhaften Heimitianer und -innen, die es sich auf der Suche nach altösterreichischer Identität in den tausend Winkeln der Strudlhofstiege gemütlich eingerichtet hatten. Die andere Fraktion, die strengen Herren von der Gesamthochschule, las zwar nicht so gern, recherchierte aber in ideologiekritisch lauernder Stellung -vor allem über den miesen Antisemiten ( ).

Die dritte Fraktion las nicht, recherchierte nicht, aber liebte Doderer und liebt ihn bis heute: Und zwar den Childerich mit dem Hang zur großen Wut und zu kleinen Perversionen, den Bürgerschreck und Aktionisten, der die Weiber ,ärschlings' packte und reihum Glatzenwatschen und Bartrisse verteilte. Doppelmonarchie und Doppleranarchie erwiesen sich eine Zeitlang als kompatibel." Was als Beleg für Doderers Modernität gewertet wurde. Man konnte es aber auch als Beweis dafür werten, "wie kleinbürgerlich und reaktionär die antibürgerliche Avantgarde sein konnte".


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