Selbstversuch

He, was schaust du jetzt mich so an?


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016

Es gab ein heftiges Gewitter auf dem Land, irgendwann zwischen den Wochenenden. Jedenfalls. Als die Horwaths aufs Land kamen, waren die Pfaue weg, alle beide. Sie saßen nicht auf dem Dach und nicht in dem Nussbaum, den der späte Frost kahl gemacht hat. Sie gockelten nicht durch den Hühnerhof und snobbten die Hendln ab, und sie standen auch nicht vor dem großen alten Spiegel, den der Horwath ihnen dort hingestellt hat, wegen der Pfau-immanenten Eitelkeit. Die Horwaths lauschten: kein Pfauengesang, nirgends. (Gesang, so nennen es die Horwaths. Alle anderen nennen es anders.)

Die Abwesenheit der Pfaue war für die Horwaths der Tiefpunkt einer Woche, in der eine Schlange elf Hühnerküken gefressen hat und ein Fuchs einen Hahn und zwei Hennen. Das jetzt auch noch. Echt jetzt.

Ich sagte: Die kommen schon wieder, die wissen ja jetzt, wo sie daheim sind.

Der Horwath: Ich weiß nicht.

Ich: Wart ab.

Der Horwath: Vielleicht hat sie wer runtergeschossen, der Pfaue nicht leiden kann.

Ich: Ja, aber dann würden die toten Pfaue im Hof liegen, als Warnung. Und außerdem: Wer würde sowas tun?

Der Horwath: Hmmm.

Ich: He, was schaust du jetzt mich so an???

Zum Glück wurden die Pfaue am Freitag gesichtet, am anderen Ende des Dorfs, auf der ehemaligen Bäckerei. Aha, gut!

Die Teenager schwangen sich auf die Räder und gingen suchen, aber: nix. Und wenn sie da gewesen wären, wie fangen? Eben.

Am Samstag kam die Nachricht aus dem Dorfwirtshaus: Die Pfaue wandelten durch den Gastgarten, der Pfau schlug Räder, zum Entzücken der Gäste.

Mir kam das zu Ohren. Das Dorfwirtshaus ist auch eine Pension. Die Pfaue, ich weiß das, heben für gewöhnlich so um halb sechs zu singen an. Ich rechnete damit, dass der Wirt um Viertel vor sechs beim Horwath stehen müsste, um die sofortige Abholung der Pfaue anzuregen.

Die Pfaue aber waren, zum Glück der Pensionsgäste, schon weitergezogen, heimwärts, und wenig überraschend legten sie dabei eine Pause ein, genau auf dem Dach des Hauses vis-à-vis, auf dem schon der alte Pfau gerne den neuen Morgen begrüßt hatte: um mich daran zu erinnern, wie wenig ich ihn und sein Gekreisch vermisste.

Natürlich kommt mir an dieser Stelle der Kollege Iwaniewicz von nebenan, der augenscheinlich noch nie neben einem Pfau geschlafen hat, supergescheit mit fadenscheinigen Erklärungen, die Schreie des Pfauen dienten der "frühzeitigen Warnung anderer Tiere vor Gefahren".

Frühzeitig ist richtig, und die Gefahr nennt sich "Schlaf der Humanoiden".

Aaaber. Die Pfaue fanden inzwischen heim in Horwaths Hühnerstall; zur Freude der Horwaths und aller anderen: Oh Happy Day.


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