Im Ballkleid mit fettigen Wurstfingern

Der britische Fotograf Martin Parr ging für seine aktuelle Schau auch in Wien auf Klischeejagd

Lexikon | AUSSTELLUNGSVORSCHAU: NICOLE SCHEYERER | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016


Foto: Martin Parr/Magnum Photos

Foto: Martin Parr/Magnum Photos

Unter den britischen Fotografen ist er der Popkünstler: Seit den frühen 1980er-Jahren hält Martin Parr die Welt in saftigen Farben und mit trockenem Humor fest. Sein schräger Blick auf die Gesellschaft und ihre Stereotypen hat den Engländer weltberühmt gemacht.

In seine lange Liste von Retrospektiven reiht sich ab dieser Woche auch Wien. Das Kunsthaus zeigt eine Retrospektive des ungewöhnlichen Magnum-Fotografen, der mehr als 40 Fotobücher publiziert hat. Aber damit nicht genug: Parr hat sich auch auf Fotosafaris in Wien begeben.

Der 1952 in der Grafschaft Surrey geborene street photographer studierte an der Manchester University und überraschte mit seinem Diplom. „Bei der Abschlusspräsentation hat er seine Bilder auf Tapetenwände gehängt und auf Porzellanteller drucken lassen“, erzählt Verena Kasper-Eisert vom Kunsthaus Wien.

An den Ausstellungsbeginn hat die Kuratorin Parrs berühmteste Serie gestellt. Für „The Last Resort“ reiste er nach New Brighton, ein im 19. Jahrhundert mondänes Seebad, das in der Thatcher-Ära zum Hausmeisterstrand von Liverpool wurde. Für den schon früh an der working class und an Tourismus interessierten Fotografen bedeutete der Freizeitort ein gefundenes Fressen.

In sattem Couleur verewigte er damals Sonnenanbeter, die sich am Asphalt braten ließen, während ihre Kinder im vermüllten Meer spielten oder Wochenendausflügler, die vor überquellenden Mistkübeln jausneten. Eine Verkäuferin mit Perlmuttlippenstift warf dem Fotografen einen strengen Blick zu, während die Teenager hinter ihrem Rücken um Pistazieneis rangelten. Durch den Kontrast zwischen den leuchtenden Farben und der abgelichteten Tristesse bringt der Fotograf die Kluft zwischen Wunsch und Realität in der Konsumgesellschaft zum Ausdruck – eine Strategie, der er seither treu geblieben ist.

Vor Parr haben Fotografen die britische Unterschicht in der Regel so porträtiert, dass entweder der Arbeiterklassenstolz oder ein humanistischer Anspruch mit dem Ziel der Armutskritik zum Ausdruck kam.

Der Tabubruch der kontroversiellen Serie „The Last Resort“ wurde sogar mit den Stichen von William Hogarth aus dem 19. Jahrhundert verglichen, der das dem Suff verfallene Lumpenproletariat auf bitterböse Weise zeichnete.

Parrs respektlose Herangehensweise prägte eine jüngere Generation von Fotografen, etwa Richard Billingham, der seine besoffenen Eltern zum Sujet machte, oder Jürgen Tellers Blick auf sein spießiges Heimatdorf.

An den Strand zog es den Fotografen im Laufe der Jahre immer wieder. „Small World“ nennt er einen Zyklus über den weltweiten Tourismus, der etwa Badende an einem indischen Strand mit einer Kuh zusammenbringt. In seiner satirischen Kleine-Welt-Serie zeigt er Bergurlauber, die im Entenmarsch herummarschieren oder zusammengerottete asiatische Reisegruppen vor der Akropolis.

Aber nicht immer schien die Sonne in „Parrworld“, wie eine weit tourende Wanderausstellung titelte. Für die Schwarz-Weiß-Serie „Bad Weather“ verwendete der Fotokünstler 1982 sogar eine Unterwasserkamera, um eine komplett verregnete Hochzeitstafel samt Torte festhalten zu können. „Wir Briten sind einfach besessen vom Wetter“, lautete Parrs Erklärung zu seiner Motivation für die Regenfotos.

Das Label „subjektiver Dokumentarist“ passt gut zu dem Briten, der die Vulgarität seiner Epoche einfängt. Und das nicht ohne Zärtlichkeit, denn Parr ist weniger ein Spötter als ein Fan und Sammler, der gewissen Sujets jahrzehntelang treu bleibt.

Diese obsessive Seite zeigt die Bild-an-Bild-Installation „Common Sense“. Parr hat dafür ein Portfolio von 350 Nahaufnahmen seiner motivischen Steckenpferde ausgewählt, zum Beispiel lustig dekorierte Mehlspeisen, Hinterköpfe von Hutträgern oder Fast Food haltende Hände.

Der wandfüllende Overkill kann leicht Ekel auslösen. Die quietschbunte Wand beweist aber auch Parrs Faible für Strukturen und Variationen. Er verwendet für diese Art von Aufnahmen einen Ringblitz, der die Farben besonders stark zur Geltung bringt.

Ein Glitzerkleid mit tiefem Dekolleté, eine Hand hält einen Teller, die andere ein langes Sacherwürstel. Als Schutz vor dem Wurstfett verwendet die kopflos fotografierte Ballgängerin anstatt einer Serviette ein Stück Semmel. Am Kaffeesiederball gelang Parr dieser herrliche Schnappschuss, der viel über die hiesige Ballkultur aussagt. „Die Wiener erfüllen alle Klischees“, befand der Brite nach seiner Bilderjagd in der Konditorei Aida, im Gänsehäufelbad und in Kleingartensiedlungen hochzufrieden.

Die Wien-Serie „Cakes and Balls“ fügt sich nahtlos in Parrs Kosmos ein. Einziger erfreulicher Ausreißer: Die queer kostümierten Besucher des Rosenballs.

Kunsthaus Wien, ab Fr, bis 2.11.


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