Tiere

Nacktheiten

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016


Die wienerische Redewendung „Das ist mir Schnecken“ hat offenbar einen Bedeutungswandel durchgemacht. Der Ausdruck für besondere Gleichgültigkeit mutierte zum Kampfschrei urbaner Gärtner, die mit zorngeschwellter Ader als neue Kreuzritter in den Krieg gegen vor allem gehäuselose Weichtiere ziehen. Das Seltsame daran ist nur, dass diese Menschen in ihrem zivilen Leben durchaus für den Erhalt der Tiger Geld spenden, Naturdokus im Fernsehen lieben und sogar vegane Bademode (doch, die Farben!) kaufen.

„Gärtnern ist, was Mutti tat, doch Gardening ist Avantgarde“, reimt der zeitgemäße Jungmensch und sieht in Nacktschnecken jene Hassobjekte, die für ältere Generationen Lebensmittelmotten waren. Diese wiederum gelten heutzutage vielmehr als Indikator für naturbelassene, giftfreie Nahrung.

Offenbar haben die Schneckenkämpfer „Die Kunst des Krieges“ von Sun-Tzu gelesen und kennen ihren Feind. Viele können die Große Wegschnecke (am Rand rötliche Fußsohle) von der Spanischen Wegschnecke (weißlicher Fuß) unterscheiden und kennen den Feind ihres Feindes, den grau-weiß gefleckten Tigerschnegel, der andere Nacktschnecken angreift und frisst. Dabei gäbe es noch viele andere spannende Sachen an diesen Weichtieren zu entdecken. Landschnecken haben eine eigene Technik, um sich auch bei Trockenheit oder Hitze fortbewegen zu können: Dabei berührt immer nur ein Teil ihres Fußes den Untergrund. Da die Schleimspur der Schnecken dabei unterbrochen aussieht, nennt man diese Fortbewegung bei ihnen dann „hüpfen“. Als Kreuzritter mag man einwenden, man wisse auch ohne Beobachtung der Schneckenspur, ob es heiß sei.

Ja eh, aber wenn man immer gleich die Blaukornkanone auspackt oder voller Wut diese Tiere zertritt (Achtung, nur mit glatten Schuhsohlen!), dann verbringt man sein Leben auch sonst in blinder Rage. Wer schon jemals die Paarung zweier hermaphroditischer Nacktschnecken (besonders beeindruckend die des Tigerschnegels) mit ihren sich korkenzieherartig umwickelnden, 30 Zentimeter langen Penissen beobachtet hat, der wird dies sicher nicht mehr vergessen.

Mittlerweile werden Weinbergschnecken als Slow Food (sehr witzig) erfolgreich vermarktet. Sollte ich je eine Zubereitungsmethode finden, die den zähen Schleim der Wegschnecken in süßen Nektar verwandelt, dann erwarte ich „Santo subito“-Chöre der Urban-Gardening-Kreuzritter. Deus lo vult!


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige