Árpád Schillings "Eiswind": Nackte Brutalität und wölfische Gewalt

Feuilleton | THEATERKRITIK: THERESA GINDLSTRASSER | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016

Es gibt keine Kämpfe um die Rangordnung, zumindest nicht innerhalb frei lebender Wolfsrudel. Dort sichert so etwas wie eine naturgegebene Dominanz der Elterntiere die Stabilität der Beziehungen. Ob es auch unter Menschen ein solches dominantes Tier gibt und unter welchen Umständen es in deren Rudeln zu Kämpfen kommt, davon erzählt "Eiswind" von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij (siehe auch Interview in Falter 21/16).

Regisseur Schilling führt hier ungarische Schauspieler und Ensemblemitglieder des Burgtheaters zusammen, die Aufführung findet auf Deutsch und Ungarisch mit entsprechender Übertitelung statt.

Auf der Bühne (Juli Balázs) steht eine Jagdhütte als Festung gegen den eisigen Wind. Hier sitzen zwei Familien fest, und der Thriller nimmt seinen Lauf. Falk Rockstroh ist Frank, ständig überforderter Ehemann der Karrierefrau Judith (Alexandra Henkel). Als gemeinsamer Sohn Felix lernt Martin Vischer erstaunlich schnell Gewalt und ungarische Konversation. Auch das Ehepaar Ilona und János (Lilla Sárosdi und Zsolt Nagy) hat einen Sohn. Der ist aber zu Hause in Ungarn geblieben, im Internat des "Gymnasiums für nationale Verteidigung".

Äußere Bedrohungen führen nach einer alten Krimiregel zu Brutalitäten im Inneren. Aus der Geschichte weiß man: Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, wird beides verlieren. János plädiert für die Notwendigkeit der Unterordnung und positioniert sich selbst als dominantes Tier. Seine Frau Ilona muss gefesselt und geknebelt am Boden ausharren.

Die Bilder sind, ohne Frage, ausgesprochen verstörend. Bisweilen wird angedeutet, dass es die äußere Bedrohung vielleicht gar nicht gibt, nur die innere Gewalt: Homo homini lupus. Über diese Hintergründe hätte man gerne mehr erfahren. Die Inszenierung ist als Parabel auf das Wölfische im Menschen aber ausschließlich auf die Produktion dieser Bilder fixiert, so dass sich in der hektischen Abfolge kein rechter Grusel einstellen kann.

Akademietheater, 2., 8., 25.6.


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