Kunst Kritik

Ausradiert: Wenn aus Nachbarn Gegner werden

Lexikon | NS | aus FALTER 22/16 vom 01.06.2016

Klopf, klopf, der Meißel setzt an und in kurzer Zeit sind sie getilgt, die Namen des Kaufmanns und des Fabriksbesitzers, die auf den Steinen zu lesen waren. Der polnische Künstler Artur Zmijewski -berühmt-berüchtigt ob seiner drastischen Kunstaktionen -hat für sein Projekt "Erasing" sechs historische Grabsteine deutscher Bürger aus dem einstigen Breslau verwendet. Die Vertreter der Minderheit lebten und starben im 19. Jahrhundert und dennoch wurden ihre Gräber als anti-deutsches Statement nach 1945 von den Friedhöfen getilgt. In der sehenswerten Schau "Universal Hospitality" in der Alten Post treibt Zmiejewski diesen Prozess der Auslöschung auf die Spitze, indem er die Steine und in Videos das Zerschlagen der Namen zeigt.

Der im Rahmen des Festwochen-Programms "Into the City" produzierte Ausstellungsparcours führt zu knapp 40 Videoarbeiten, Fotos und Installationen, die Themen wie Flucht, Nationalismus, Staatsbürgerschaft oder Homophobie reflektieren. Für die dichte Schau heißt es viel Zeit mitbringen, aber es zahlt sich vielerorts aus. So bei Martin Piaček, der sich via Büsten und Fotoporträt als "Very Slowakian Hero" inszeniert und dabei den Vandalismus -etwa eine eingedepschte Bronzenase -gleich mitliefert. András Cséfalvay diskutiert in zwei Videos mit Dinosauriern über Nationalstaatlichkeit und Tomasz Kulka stellt mit Keramikfiguren eine Massenschlägerei auf, die glatzköpfige Kerle vor Wellblechhütten zum Bluten bringt.

In der Auswahl zeigt sich wiederum, dass bloßer Dokumentarismus in der Kunst nicht weit führt und dass Arbeiten erst durch ihre formale Machart eindringlich wirken oder nicht. Vertiefung bietet ab Freitag ein dreitägiges Symposium im Angewandte Innovation Lab (AIL), das Vorträge und noch mehr Projektpräsentationen bringt.

Alte Post, bis 19.6.; AIL, Fr-So


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