Nüchtern betrachtet

Das Scheitern wird vollkommen überschätzt

Klaus Nüchtern berichtet aus seinem Leben. Die Kolumnen als Buch: faltershop.at/nuechtern

Feuilleton | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016

Zu den Irrtümern, die sich aufgrund ihrer weiten Verbreitung den Status einer tieferen Weisheit erschlichen haben, zählt die Auffassung, dass es total wichtig sei, Fehler zu machen. Hingegen genießt ansatzloses Gelingen in einem erstaunlich breiten, von Schäferhundepunks bis in linksakademische Milieus reichenden Spektrum ein ähnlich hohes Sozialprestige wie Muttertagsblumen-im-Park-Stehlen oder Ejaculatio praecox. Schuld daran trägt die Bohemisierung des Alltags. "Fail again, fail better", hat Samuel Beckett gesagt. Er konnte sich das leisten, denn er war Schriftsteller und kein Schuster, Friseur oder Kinderarzt.

Natürlich ist es wichtig, dass man Fehler machen darf. Das gilt aber hauptsächlich für Anfänger, denen es für einen begrenzten Zeitraum gestattet ist, Anfängerfehler zu machen. Wird diese Periode über das übliche Maß ausgedehnt, herrscht sonderpädagogischer Handlungsbedarf, oder man muss eben einsehen, dass es sich mit der Pianistinnenkarriere nicht ausgehen wird,


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