Mein Dorf

Ich komme aus Paldau. Meinen alten Freunden geht es dort gut. Sie wählten Norbert Hofer. Zu Besuch in der Heimat

Politik | Reportage: Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016

Der Frühnebel hängt noch über den Feldern, der Tau perlt von blühenden Gräsern. Der Mais steht erst kniehoch, man muss sich noch nicht fürchten, dass einem Wild vors Auto springt. Vorbei an den Schildern, die echtes Kürbiskernöl anbieten, vorbei an den Häusern, die wie hingetupft auf sanften Hügeln liegen, durch die dunklen, duftenden Mischwälder. Nach Hause. Willkommen im südoststeirischen Paldau, das mancher Bewohner sein "kleines Paradies" nennt.

Als Alexander Van der Bellen in seiner ersten Rede nach der Präsidentschaftswahl von den beiden Seiten sprach, die zusammengehören, dann meinte er mit der einen Seite Wien und mit der anderen Paldau. Die Marktgemeinde schafft es nicht oft in die bundesweiten Medien. Zuletzt, weil ein psychisch Kranker auf zwei Nachbarsmädchen und deren Mutter mit einer Eisenstange einhieb und sich danach im Wald versteckte. Der Dramatiker Werner Schwab schrieb hier seine ersten Stücke und soff sich dabei halbtot, Fußballstar Robert Gucher schob auf dem Paldauer Rasen seine ersten Pässe. Die Schlagertruppe Die Paldauer stammt von hier.

Vergangenen Herbst spielte die Band als Headliner für Heinz-Christian Strache im Prater, als der sein zehnjähriges Jubiläum als FPÖ-Chef feierte. Es war wie das musikalische Vorspiel für das, was da noch kommen sollte. 48,1 Prozent wählten in Paldau den FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Im ersten Durchgang. Im zweiten waren es 74,1 Prozent. Kaum wo in Österreich war die FPÖ erfolgreicher als in meiner Heimatgemeinde. Paldau, das schwarze Kernland, verfärbte sich dunkelblau.

Mehr als mein halbes Leben verbrachte ich hier. Ich ging hier zur Schule, spielte Fußball, fand meine ersten Freunde. Wenn der Wiener Intellektuelle Robert Menasse die Hofer-Wähler als "Faschisten" bezeichnet, dann erklärt das weniger das Verhalten meiner Paldauer Freunde, sondern mehr, dass sich die beiden Wählergruppen mittlerweile immer stärker entfremdet haben.

"Living apart together" nennt es René Cuperus, der Direktor für Internationale Beziehungen der linken Wiardi-Beckman-Stiftung, im Buch "Rechtspopulismus in Europa - Gefahr für die Demokratie?". Man könne beobachten, wie "gut Ausgebildete" und "weniger gut Gebildete" zunehmend in getrennten Welten leben. "Beide Seiten gehen sich aus dem Weg und kommen nur selten in Kontakt. Orte der Begegnung wie die Kirche, die Armee oder Wohltätigkeitsorganisationen haben an Bedeutung verloren", schreibt Cuperus, "vor allem die Akademiker tendieren dazu, sich in ihren Kreisen und ihren Vierteln abzuriegeln. Aus diesem Biotop schauen sie auf die weniger Gebildeten herab. Sie verachten deren Humor, deren Geschmack und deren politische Überzeugungen."

Mein Freund Reinhard, ein Vereinsmeier, der wie alle anderen FPÖ-Wähler in diesem Text nicht mit seinem echten Namen in der Zeitung stehen will: Er hilft, wo es geht, und schaut auf die Gruppe. Ein liebenswerter Typ, ehrlich, loyal, großzügig. Ein Kümmerer, mit dem es nie fad wird. Manche seiner Witze sind rassistisch, manche sexistisch, das Studienfach Gender-Studies kennt er nicht einmal vom Hörensagen. Er hatte keine Eltern, die ihm als Kind in der Nacht vorlasen, wie sie viele Akademiker hatten. Stattdessen brockte Reinhard schon als kleiner Bursche mit seinen Eltern und den anderen vier Geschwistern reife Maiskolben vom Feld und brachte die Ernte heim. Geld für Schulskikurse gab es keines, ein Studium konnte sich die Familie nicht leisten. Die Eltern besorgten ihm eine Lehrstelle als Maurer. Bis heute ist Reinhard kaum auf Urlaub gefahren.

Reinhard ist fleißig geblieben, heute hat er eine Frau, eine Tochter, ein Haus und einen Kredit. Er arbeitet hart, um seinem Mädchen alle Möglichkeiten zu bieten, er überhäuft es mit Geschenken. "Ihr soll's besser gehen als mir", sagt Reinhard. Wenn sie will, soll seine Tochter später einmal studieren können.

Aber die Zeiten werden härter. Die Reallöhne sind seit Jahren nicht mehr gestiegen . Und ein Zuverdienst durchs Pfuschen, wie es auf dem Land üblich war, ist durch verstärkte Kontrollen immer schwieriger geworden. Rund 1500 Euro verdient Reinhard pro Monat, erzählt er, davon gehen 900 Euro als Fixkosten drauf: "Ich muss kämpfen, dass ich über die Runden komme. Es wird alles teurer." Was, wenn er seinen Arbeitsplatz verliert? Dann könne er seinen Kredit nicht mehr bedienen, dann kralle sich die Bank sein Haus, fürchtet Reinhard.

Und dann sind da noch die Flüchtlinge, über die er so viel gehört hat und über die so viel in den Zeitungen steht. Etwa die Geschichte, dass die Ausländer alle gratis neue Zähne bekämen. "Wenn ich eine Krone machen lasse, kostet das einen Haufen Geld." Wenn es für ihn immer knapper wird, warum werde "den Ausländern dann alles hinten reingesteckt? Das macht den Leuten Angst." Reinhard will endlich eine politische Veränderung.

Die Asylkrise hat die Paldauer politisiert. Kinder fragen ihre Eltern, was das ist, ein "Flüchtling". In der Nachbarschaft schaffen sie sich Hunde an. Für Reinhard ist das Thema Flucht zur Frage der Gerechtigkeit geworden. Eine, in der er auf der Seite der Betrogenen steht, obwohl er hart arbeitet. Würde er arbeitslos werden, verdiene er womöglich sogar weniger Arbeitslosengeld als Flüchtlinge Mindestsicherung, fürchtet er. Für ihn ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Sozialstaat unter der Asylkrise zusammenbricht. Er bangt nicht nur um seine Zukunft. Sondern auch um die seiner Tochter.

Eine Erkenntnis aus der Wahlforschung: Optimisten wählten den grünen Kandidaten, Pessimisten den blauen. Und wer die Geschichten hört, die hier im Ort kursieren, kann leicht zum Pessimisten werden. Beispiel Zähne: Nein, Flüchtlinge bekommen kein neues Gebiss finanziert, heißt es aus dem Büro von Doris Kampus (SPÖ), der steirischen Landesrätin für Asyl. Aber Asylwerber sind in der medizinischen Grundversorgung, können also zum Zahnarzt gehen, wenn sie Zahnschmerzen haben.

3100 Menschen leben in Paldau, im Ort gibt es mehr als 40 Vereine. Die Paldauer halten zusammen, sie vertrauen einander. Macht ein Gerücht die Runde, wird es immer wahrer, weil es immer mehr Leute erzählen. Diese Geschichten sind nicht totzukriegen. Etwa jene über den Busfahrer, der die Flüchtlinge von der Grenze in Spielfeld nach Deutschland chauffiert haben soll. Zum Dank hätten ihm die Asylwerber die Sitze herausgerissen und diese im Bus als Toilette benutzt. Einen Kontakt zum Fahrer gibt es nicht, die Polizei hat noch nie etwas von diesem Vorfall gehört.

Oder die Geschichte, dass in der Kaserne Fehring die Küche getauscht worden sein soll, bevor die Kaserne zum Asyl-Verteilerzentrum umfunktioniert wurde. Warum bekommen die Flüchtlinge eine neue Küche, wenn es für österreichische Soldaten über all die Jahre gereicht hat, fragen sich die Leute. Aber stimmt das denn?"Bei der Übernahme wurden keine Investitionen im Küchenbereich vorgenommen, sondern die Einrichtungen entsprechen eins zu eins dem, wie es uns vom Bundesheer übergeben worden ist", erklärt Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck, "Die einzigen Neuerungen, die es aktuell gibt, sind eine Mikrowelle und ein Kühlschrank - aber nicht für die Asylwerber, sondern für das Personal der Betreuungsstelle."

Vielleicht ist das Thema so schwer zu begreifen, weil vieles diffus wird, wie der Nebel, der sich frühmorgens zwischen den Hügeln über den Ort legt. Denn oft haben die Geschichten einen wahren Kern. Etwa die von Renate, die sich vor der Islamisierung fürchtet. Asylwerber aus dem muslimischen Kulturkreis seien gewalttätiger, erzählt sie und führt zum Beweis eine Geschichte an: In Fehring habe einer von denen einem Polizisten die Nase gebrochen. Tatsächlich wurde ein Asylwerber vor wenigen Tagen wegen schwerer Körperverletzung gegen einen Polizisten festgenommen. Allerdings handelte es sich um keinen Muslim, sondern um einen betrunkenen Ukrainer.

Der steirische Polizeisprecher Fritz Grundnig kennt viele dieser Geschichten, er stand selbst an der Grenze in Spielfeld, als hunderte Flüchtlinge über die Grenze strömten. Flüchtlinge hätten einen Lebensmittelmarkt überfallen, hieß es damals. Die Polizei forschte nach: Flüchtlinge haben bloß in einem Geschäft in Massen eingekauft. "Die Verkäuferin war im ersten Moment überfordert", sagt Grundnig, "aber es war kein einziger Diebstahl dabei." Oder das Facebook-Gerücht, eine Polizistin sei von einem Flüchtling vergewaltigt worden. "Es ist nichts in diese Richtung passiert", sagt Grundnig, "der einzige Vorfall war, dass ein Flüchtling einer Polizistin ins Gesicht gespuckt hat." Eine Beleidigung. Keine Vergewaltigung.

"Ob das mit den sozialen Medien immer so gescheit ist?", fragt Karl Konrad, ÖVP-Bürgermeister des Ortes, und seine Worte klingen eher wie eine Anklage als eine Frage. "Wir sind keine Grenzregion mehr", sagt Konrad, "wir leben heute in einer lebendigen, zukunftsfähigen Gemeinde im Steirischen Vulkanland." Die Gemeinde ließ in den vergangenen Jahren die Schule renovieren, am Sonntag eröffnete Konrad den neuen Kindergarten, ein Vorzeigeprojekt für den ganzen Bezirk. Bald sperrt auch das Logistikzentrum auf, es soll eine Art Amazon in klein werden und 200 Arbeitsplätze bringen. Wie konnten sich dann trotzdem 74,1 Prozent für Hofer entscheiden?

"Es war eine reine Protestwahl", glaubt Konrad. Die Grundstimmung in Paldau sei gut, aber die Leute seien politisch frustriert. Von der Regierungspolitik, die von vielen als Blockade wahrgenommen werde. Von der Bürokratie, die den Unternehmern und Landwirten immer mehr zusetze. Von den Kandidaten der ehemaligen Großparteien, die neben dem jüngeren Sympathieträger Norbert Hofer verblassten. Und schließlich sei da noch die Grundeinstellung der Leute. "Wir sind traditionsbewusst, Familien haben bei uns noch einen hohen Stellenwert", sagt Konrad, "aber wir sind nicht so weltoffen wie die Leute in der Stadt."

Während liberale Wiener ein Palmsonntag für gewöhnlich nicht berührt, stehen die Paldauer in festlicher Tracht vor der Kirche, um ihre Palmkätzchen weihen zu lassen. Und was Strache für Linke in der Großstadt ist, ist Van der Bellen auf dem Land: der Gottseibeiuns. Paldau, wo große Traktoren über kleine Felder tuckern, ist ein Land der Bauern. Viele von ihnen betrachten die Grünen als natürliche Feinde, etwa wegen der Spritzmittel, die sie auf ihre Felder sprühen, um ihre Erträge zu steigern, und die die Grünen aus Umweltschutzgründen verbieten wollen. Viele schwarze Stammwähler sind in Paldau mit Bauchweh zur Wahl gegangen, aber bevor sie eine linke Reizfigur wählten, rutschten sie lieber nach rechts.

Van der Bellens liberale Haltung in der Asylfrage hat ihn auf dem Land zusätzlich Sympathiepunkte gekostet. Dabei zählt Paldau zu den "Nuller-Gemeinden", die Marktgemeinde hat keinen einzigen Flüchtling aufgenommen. Erst vor wenigen Tagen war der steirische Flüchtlingskoordinator Kurt Kalcher in Paldau. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm derzeit keine geeigneten öffentlichen Gebäude für Flüchtlinge anbieten kann", sagt Bürgermeister Konrad. Angebote von Privaten hat das Land bislang noch nicht in Anspruch genommen. "Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Mehrheit nicht unbedingt erfreut über Flüchtlinge im Ort wäre", sagt Konrad.

Die Skepsis gegen Ausländer in Paldau ist groß, sie ist bei manchen in Hass umgeschlagen. Ein Besuch bei Franz Liebmann, Spitzname Lipo, einer der umtriebigsten Menschen im Ort. Lipo hat in Paldau den ersten Tierfriedhof in der Steiermark eröffnet, in der Bezirkshauptstadt Feldbach ein Lokal aufgesperrt und arbeitet als Angestellter im Marketing.

Als unbegleitete Minderjährige ins nahe gelegene Feldbach kamen, chauffierte er sie zum Grazer Christkindlmarkt, tourte mit ihnen durch die Paldauer Lokale und spendierte ihnen ein paar Backhendln. Aber in Paldau regierte Angst. Er solle die Ausländer nicht mehr herbringen, habe ihn ein Freund gewarnt und nannte ihn einen Gutmenschen. "Besser ein Gutmensch als ein Arschloch, habe ich ihm gesagt. Dann hat er mich am Krawattl gepackt." Als Lipo damit kokettierte, ein Haus zu kaufen, um Flüchtlinge aufzunehmen, hätten sie ihm ausgerichtet, sie würden das Haus abfackeln, bevor er das umsetzen könne.

Nein, sagt Lipo, die Paldauer seien nicht rechtsextrem, seine Freunde hätten einfach nur Angst. Genau das belegt die "Mitte"-Studie der Universität Leipzig: Die Ablehnung von Ausländern ist dort am höchsten, wo es kaum Ausländer gibt. "Warum habt ihr in Wien Van der Bellen gewählt?", fragt ein Bekannter. "Ihr habt dort ja viel mehr Ausländer." Die Paldauer, die sich am meisten vor Flüchtlingen fürchten, sind selbst noch keinem persönlich begegnet.

"Wenn einer von denen mein Mädl angreift, erschieß ich nicht nur ihn, sondern auch die Politiker in der Gemeinde", sagt Ferdinand im Wirtshaus bei einem Glas Bier, und seine roten Augen verraten, dass es an diesem Abend nicht sein erstes ist. Dann erzählt er die Geschichte von seinem Arbeitskollegen, der seiner Tochter das Studium finanziert. Sie wählte grün und überredete auch noch seine Gattin, Van der Bellen anzukreuzen. Die Tochter habe ihrem Vater "das Hackl reingehaut", sagt Ferdinand, "das hat ihm wehgetan".

Wie könne man die Linken wählen? Die, die die Plakate der FPÖ zerstören und alle FPÖ-Wähler als Nazis beschimpfen. Die, die in Spielfeld bei der Demo mit Latten auf rechte Demonstranten losgingen und deren Autos zertrümmerten, wie ein Paldauer Demo-Teilnehmer erzählt. Die von der Willkommenskultur, die vermeintliche Vergewaltiger und Terroristen ins Land ließen.

Manche Frau in Paldau erzählt, sie fühle sich heute nicht mehr sicher. Etwa Karin, die selbst schon schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht habe. Sie hätten sie um die Miete geprellt, behauptet sie. Bei ihrer Freundin ist vor wenigen Monaten eingebrochen worden. Ob es ein Asylwerber war, wisse niemand. Aber es könne auch niemand ausschließen. Im Zweifel bleibt der Zweifel am Fremden hängen.

Die Zahl der kriminellen Asylwerber hat zugenommen - das liege allerdings daran, dass es nun viel mehr Asylwerber gibt, erklärt der steirische Polizeisprecher. Die Zahl der Vergewaltigungen sei in der Südoststeiermark in der gleichen Zeit zurückgegangen. Karin misstraut den offiziellen Stellen. Sie wolle nicht alle Asylwerber in einen Topf werfen, aber manche von denen verhielten sich wie "Bestien".

Karin betrachtet Dinge kritisch und informiert sich umfassend, sie wiegt Argumente ab und bildet sich ihre eigene Meinung. Sie liest nicht nur Zeitungen und schaut sich TV-Reportagen an, sie steuert auf Facebook auch Seiten an, die alternative Nachrichten bringen. Wie etwa die österreichische Anonymous-Seite, auf der Verschwörungstheorien verbreitet werden. "Ich frage mich immer: Wem nützt etwas?", sagt Karin. Die Flüchtlingswelle hält sie für eine Art moderne Kriegsführung der Amerikaner, um Europa zu destabilisieren.

Nicht jede Verschwörungstheorie sei falsch, sagt Karin, dass ein Ende des Bargelds droht, habe sie etwa schon vor fünf Jahren vorhergesagt. "Ich vertraue der Anonymous-Seite mittlerweile mehr als dem ORF, weil dort jeder etwas anonym reinposten und aufdecken kann." Oft finde sie dort Geschichten, von denen sie glaubt, dass sie die etablierten Medien unterschlagen oder über die sie erst viel später berichten.

Sie teilt dann diese Inhalte auf ihrem eigenen Facebook-Profil. Sie will ihre Freunde aufklären, um Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Karin sagt: "Das Gute an Facebook ist, dass es auch den Letzten im hintersten Winkel eines Dorfes aufrütteln kann."


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