Tiere

Witigreia

Peter Iwaniewicz weiß, dass geköpfte Schlangen noch eine Stunde lang zubeißen können

Falters Zoo | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Typisch Europa! Hier will man ganz pragmatisch nur vier Jahreszeiten kennen. Anders in Australien, wo Aborigines das Jahr in sechs Perioden einteilen, die auch noch onomatopoetisch ordentlich was hergeben: Banggereng nennt man dort zum Beispiel zwischen Ende März und Anfang Mai die Zeit, in der Stürme hartnäckig blasen und Überschwemmungen zurückgehen. Auch Russen kennen zusätzliche Jahresabschnitte, die Schlammzeiten, Rasputiza, in denen während der Schneeschmelze im Frühjahr und nach den Herbstregenfällen die Landschaft aufweicht und unbefahrbar wird.

Ich schlage vor, in Österreich zukünftig die Zeit von Anfang Juni bis Ende August als Witigreia zu bezeichnen. Dieses Akronym leitet sich von „Wilde Tiere greifen an“ ab und ist kennzeichnend für die Nachrichtenlage in diesen drei Monaten. Eröffnet wurde diese Saison unlängst mit einem „Speikobra-Alarm“. Kleinformatige Erregungsmedien berichteten von der Suche nach der „mutmaßlichen Killerschlange“, die mit einem Frachtcontainer aus Indonesien nach Niederösterreich importiert wurde. So geht korrekter Täterschutz! Auch der Rest der Berichte war reine Poesie: „Ein Mitarbeiter blickte in zwei giftige Augen – er schreckte zurück, die Schlange zischte davon.“ Ich fordere: Bachmannpreis subito! Ein „Schlangenpapst“ (lyrisch-mystische Umschreibung für den Obmann eines Tiroler Reptilienvereins) wurde hinzugezogen. Dieser qualifizierte sich für diesen Titel eines religiösen Oberhaupts nicht nur dadurch, dass er „24 Schlangenbisse überlebte, ohne dass ihm ein einziges Mal ein Anti-Serum verabreicht wurde“. Sondern er konnte auch allein aufgrund der Beschreibung besagter giftiger Augen eine Bestimmung vornehmen: Speikobra. So nennt man ungefähr 20 Arten aller Echten Kobras, die Gift zur Abwehr von Feinden durch ihre beiden Fangzähne verspritzen können. Im Gratisblatt war von potenziellen „Spuckattacken“ zu lesen und davon, dass dieses Gift die Schlangenopfer erblinden lassen könne. Möglicherweise hat man im Management der Firma, wo die „Killerschlange“ gesichtet wurde, dabei etwas falsch verstanden: Die Mitarbeiter arbeiten weiter und wurden zum Schutz mit Handschuhen ausgestattet. Brillen wären da vielleicht noch sinnvoller gewesen, denn afrikanische Kobras können das Gift über Distanzen von bis zu drei Metern verspritzen.

Von der Schlange aber bisher kein Bild, kein Ton.

Witigreia, was für eine spannende Jahreszeit!


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