Kunst Kritik

Warum Meißeln, wenn schon Scannen reicht?

NS | Lexikon | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016

Da sitzt er, Meister Beethoven mit nacktem Oberkörper, über dem Schoß nur ein Leintuch, ihm zu Füßen ein Adler. 1902 präsentierte der Künstler Max Klinger in der Secession seine vor Pathos strotzende Monumentalplastik, jetzt ist sie - scheinbar - zurückgekehrt. Bei genauerer Betrachtung lässt sich jedoch erkennen, dass die Komponistenstatue aus vielen Einzelteilen gebaut und nicht aus Marmor gehauen wurde. Sie bildet das Herzstück der Schau "Photoplastik" von Oliver Laric, der dort eine Glyptothek aus dem 3D-Drucker präsentiert.

Der 1980 in Innsbruck geborene Wahl-Berliner hat sich intensiv mit der Geschichte dieser Vervielfältigungstechnik beschäftigt. Die charmanteste Hommage dieser Ausstellung umfasst vier Statuetten desselben Mannes in unterschiedlichen Größen. Es handelt sich um Kopien eines Selbstporträts des Künstlers François Willème, der bereits 1860 die Grundlagen für das Verfahren der "Fotoskulptur" entwickelte. Sei es ein antiker Adonis, der Fuß einer Primaballerina oder eine Mutter-Kind-Plastik aus der Nachkriegszeit, Laric spielt unterschiedliche Epochen, Materialien, Kunst-und Naturgeschichte durch. Eine Heilige Veronika hat er als Kunstharzguss kopiert, ihr Schweißtuch zeigt den "Abdruck" des Antlitz Christi.

Im Katalog wirft der Künstler Fragen zum Urheberschutz auf, denn für das Beethoven-Original verweigerte ihm das Leipziger Museum der bildenden Künste die Genehmigung eines 3D-Scans. Seine Kopie stellte Laric schließlich auf der Basis von 300 Fotos her. Die Herstellungsdaten zu all den in der Schau gezeigten Plastiken hat der Künstler auf einer Website veröffentlicht. In der Ausstellung selbst dominiert allerdings der Kniefall vor der Kunstgeschichte. Die zukunftsgewandten Fragen, etwa nach Do-it-yourself oder Urheberrechtsproblemen, bleiben dort außen vor.

Secession, bis 19.6.


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