Jeden Tag Finale daham

Am 10. Juni beginnt die Fußball-EM. Daheimgebliebenen bleibt nicht nur der Fernseher


Programmüberblick: Lukas Matzinger
Lexikon | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016


Foto: WUK/Niko Ostermann

Foto: WUK/Niko Ostermann

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagte ein großer Denker deutscher Zunge, Reinhold Mitterlehner, kürzlich. Und er hat recht. Das gilt auch für die ersten Tage eines großen Fußballturniers, wenn noch keiner übersättigt ist von dem ganzen Gekicke, wenn die Oliver Polzers dieser Welt noch nicht jedem auf den Wecker gehen, wenn der Hype noch real und nicht gekünstelt ist.

Insgesamt 300.000 Ticketanfragen wurden im Laufe des Vorverkaufs aus Österreich an den Veranstalter Frankreich geschickt. Das ist kein Wunder, denn so eine hoffnungsvolle Mannschaft wie die aktuelle hatten wir schon viele Jahre nicht mehr in einem großen Turnier. Die, die keine Karten bekommen haben, können in den Wochen des Turniers auch in Wien ihr kleines Stück EM bekommen. Weil eine Europameisterschaft überall dort ist, wo sie gelebt wird:

Zum Beispiel auf dem Rathausplatz. Dort wird von 10. Juni bis 10. Juli jeden Tag um elf Uhr die traditionelle Fan Arena aufsperren. Die Stadt Wien zeigt auf einer 100 Quadratmeter großen, angeblich tageslichttauglichen LED-Leinwand alle Spiele des Turniers, Hintergrunddokus, Pressekonferenzen und mehr. An den spielfreien Tagen werden Aufnahmen von Konzerten projiziert. 28 Standler versorgen das durstige Fanvolk unter der Leitung von Do & Co. Der volle Rathausplatzzirkus ist garantiert. Es ist das größte EM-Schauen Österreichs.

Doch Public Viewing, das in Amerika eigentlich so viel heißt wie öffentliche Aufbahrung eines Leichnams, geht auch eine Nummer kleiner. Die sogenannte Mall zum Beispiel, (3., Landstraßer Hauptstraße 1b), das Einkaufszentrum beim Verkehrsknotenpunkt Wien Mitte, errichtet für das Turnier extra ein kleines EM-Stadion mit Tribüne und Kunstrasen.

Ein junger Klassiker ist das FM4-Quartier im Wuk. Der Foodtruck der Kimbo Dogs wird dort stehen und australisch-österreichische Gourmet-Hot-Dogs kochen. Das Brauwerk Wien hat wieder ein eigenes FMBier abgefüllt, das man dort trinken kann. FM4 und Wuk wollen dem ganzen Zirkus aber auch kritische Zugänge abringen. Sie laden zum Beispiel zu Gesprächen über Kommerz und Fankultur im Sport.

Noch lauter könnte es in den Wiener Clubs werden, von denen viele im Vorprogramm ihrer diversen Tanzveranstaltungen die EM zeigen. Wie die Grelle Forelle (9., Spittelauer Lände 12) zum Beispiel. Die nennt ihre Terrasse einfach „Canal de Goal“ und lässt einen dort Playstation und Tischfußball spielen, es wird live gekocht. Das Flex (1., Augartenbrücke), eigentlich, was Wien angeht, die verdiente Mutter des Fußball-Public-Viewings, sperrt natürlich wieder seinen Garten zum Fußballschauen auf. Auch die neue Pratersauna (2., Waldsteingartenstraße 135) probiert was: Sie lädt zum Public Viewing am Pool, in den „Sauna Strand Klub“.

Auch die Leute von Elektro Gönner (6., Mariahilfer Str. 101), einer eher coolen Bar an der Mariahilfer Straße, machen ganz schön ein Trara um das Turnier, sie haben die „EM Gönnung“ in der Schulhofpassage ausgerufen. Da wird eine Pop-up-Bar stehen und eine Wuzelarena, man wird Getränkepässe vollsaufen können – nach den Spielen versprechen sie ein abwechslungsreiches Musikprogramm.

Und dann gibt es noch wahrscheinlich hundert andere Bars, Restaurants und Clubs, die die meisten EM-Spiele übertragen. Von edel in der Bar des Hotel Bristol (1., Kärntner Ring 1) bis urig im Wein- und Bierhaus Brandstetter (17., Hernalser Hauptstraße 134) hat sich quasi jeder Gastronom, der etwas auf sich hält, seine eigene EM-Schiene einfallen lassen. Im Scotch Club (1., Parkring 10) wird zum Fußballschauen die Shisha ausgepackt, bei der Strandbar Herrmann (3., Herrmannpark) kann man die Füße in den Sand halten. Und so weiter.

Es geht natürlich auch ein bisschen mehr Special Interest. Der 1019 Jazzclub (9., Althanstraße 14) versucht die kühne Brücke zwischen Jazz und Fußball zu schlagen und veranstaltet EM-Screenings mit Saxofon und so im Hintergrund. Die Galerie der Komischen Künste (7., Museumsplatz 1) zeigt für ein paar Wochen eine Ausstellung der schönsten Fußball-Cartoons. Und der Kursalon (1., Johannesgasse 33) führt Fußball vor, wo sonst reiche Russen heiraten.

Sonst lädt die Seestadt zum allerersten Mal zu einem eigenen Public Viewing. Die Bewohner des beschaulichen Plätzchens in Aspern schauen nämlich auch gemeinsam die Spiele inmitten ihrer Reihenhäuser, Spielplätze und Parkanlagen (22., Ostbahnbegleitstraße 50). Der Hockey Club schenkt aus.

Wer einfach Frankreich spüren will, aber nichts mit Fußball, hat in Wien auch fantastische, meistens fußballfreie französische Restaurants zur Verfügung. Das Le Salzgries (1., Marc-Aurel-Straße 6) etwa, das Beaulieu (1., Herrengasse 14/18) oder die La Crêperie (21., An der Oberen Alten Donau 6).

Madame et Monsieur, das Buffet ist eröffnet!


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