Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Wie ist Wien?

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016

Wien ist andersrum: Damit war ausnahmsweise nicht das sich zusammenbrauende Medienvolksbegehren gemeint, sondern ein anstehender Selbstfeiermonat der Homosexuellengemeinde. "Diese Homos geben einfach keine Ruhe", schrieb Doris Knecht. "Jetzt machen sie ein Festival. Und schon gibt's Stress: weil die Plakate dergestalt sind, dass sich die Gewista bereits geweigert hat, sie aufzuhängen (sie zeigten einen Rathausmann, der seinen riesigen aufgemalten erigierten Penis streichelt)."

Auch im Gemeinderat drohte Ungemach. Falter-Kolumnist Hermes Phettberg "musste wieder einmal als Verkörperung alles Schmutzigen und Schundigen herhalten, als im Gemeinderat über die Subvention für das Festival beraten wurde. Eine kleine Best-of-Predigtdienst-Lesung der F-Fraktion (die schönsten Anbrunzereien, die besten krachenden Jeans-Poponähte, ein kleines Wichsflecken Special) sollte nämlich die übrigen Mandatare von der anrüchigen Tendenz der Veranstaltung überzeugen. Eine klare Niederlage: Die Subvention wurde gewährt. Es wird schon noch warm werden."

Roland Koberg ließ in seiner Telefonkolumne den Veranstalter des Festivals, den leider schon vor Jahren von uns gegangenen Jochen Herdieckerhoff, zu Wort kommen. Der hatte ein Outing der besonderen Art im Sinn. Er würde 200 Personen des öffentlichen Lebens nennen, "von Achill bis Günter Ziesel", und das Publikum müsse den Fünf-Prozent-Anteil Heterosexueller herausfinden.

Herdieckerhoff: "Das Schwerste an der ganzen Sache war in Wahrheit überhaupt, die zehn knallharten sicheren Heten zu finden. Wobei ja nicht gesagt ist, dass die alle klare Schwule oder Lesben sind oder ob sie nur mal am Honig genascht haben, das reicht ja auch. () Das stinknormale breite Hetero-Publikum sitzt in der Staatsoper, und wenn es auf der Straße irgendwo ein Homo-Pärchen sieht - findet sich in Wien eh kaum -, zieht es drüber her. Da sage ich: Ihr Künstler baut die Brücke nicht! Spielen Sie doch mit. Sie können freien Eintritt zu allen Veranstaltungen gewinnen."


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