Buch der Stunde

Die großartige Verrücktheit des Christentums

Feuilleton | Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 23/16 vom 08.06.2016

Der Verlag Matthes &Seitz liebt es, die Grenzen zwischen Literatur und Sachbuch zerfließen zu lassen. Kein Wunder, dass er sich Emmanuel Carrère ins Haus geholt hat. Mit seinem jüngsten Buch "Das Reich Gottes" landete dieser in Frankreich im Vorjahr einen Bestseller, was umso mehr überrascht, als dieser Wälzer von nichts anderem als dem Christentum handelt.

Dessen Lockruf war der Sohn aus dem Pariser Intellektuellenhaushalt mit 33 Jahren selbst verfallen. Drei Jahre hielt er durch. Heute bezeichnet er diese Phase in Analogie zur Kunstgeschichtsschreibung als "rosa oder blaue Periode" und sich selbst als Agnostiker, der nachvollziehen kann, dass man den christlichen Mythos schräg findet.

Aber die extravagante Umwertung aller Werte durch das Christentum - Stichwort "Liebe deine Feinde","Die Letzten werden die Ersten sein" oder "Selig sind die geistig Armen" -, also seine großartige Verrücktheit, ringt Carrère immer noch Respekt ab. Die christliche Religion fasziniert ihn derart, dass


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