Tiere

Angriffszeit

Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016


Die Witigreia-Jahreszeit (Wilde Tiere Greifen An) hat jetzt auch in Deutschland begonnen. Unvermutet wie Blitzeis ist diese Saison über den Ort Glambeck hereingebrochen. Dieser lag bislang ganz friedvoll neben einem Naturschutzgebiet im Norden des Bundeslands Brandenburg. Also in einer Gegend, die man deswegen schützt, weil sie weder argrarisch noch industriell interessant ist. Dafür haben die Bewohner dort eben Natur. Und diese wurde nun zum Problem.

Deutschlandweit brüten 4500 Storchenpaare und einige davon auch in Glambeck. Wenn einer davon aus dem täglichen Trott des Fressens, Brütens und Klapperns ausbricht und in eine Lebenskrise stürzt, dann geht ein Ruck durch Deutschland. Selbst seriöse Zeitungen wie die Süddeutsche schreiben über einen „sehr hormongesteuerten Problemstorch“. Na ja, große Denker waren Störche eben noch nie. Vielleicht resultiert das große mediale Interesse auch daher, dass endlich einmal wieder Tiere und nicht Identitäre und Fußballfans durch Städte marodieren und vandalisieren. Aber dies wissen wir nicht, sondern nur, was der Storch getan hat. Glambecks Ortsvorsteherin erhebt schwere Vorwürfe: „Wenn morgens um halb sechs der Storch ans Schlafzimmerfenster klopft, ist das nicht so nett.“ Stimmt, aber es kommt noch härter: Der Vogel attackiert dunkle Autodächer und hinterlässt dort breite Kratzer im Lack. Sauerei, möchte man da ausrufen, wenn es nur nicht die falsche Tierart wäre. Der Grund dafür: Seine langjährige Partnerin hat ihn durch einen jüngeren Storchenmann ersetzt, und nun attackiert er in allen Spiegelbildern den vermeintlichen Rivalen. Dieser hat nun aufgrund des andauernden Mobbings das gemeinsame Nest bereits verlassen. Die Ortsvorsteherin ist über die wiederhergestellten, gottgewollten Beziehungsverhältnisse in der Familie Storch erfreut: „Wir hoffen sehr, dass sich die Lage beruhigt, wenn er jetzt auch noch seine Vaterrolle ernst nimmt.“ Jawohl! Ich möchte sogar noch hinzufügen: Und sonntags in die Kirche statt ins Wirtshaus!


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