Doris Knecht Selbstversuch

Und jetzt die Generation Hörbehelf

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016

Ich habe eine Idee für ein Start-up. Ein Kopfhörer-Abo für Eltern, so eine Art Kopfhörerversicherung. Die Eltern zahlen so ab dem achten oder zehnten Jahr der Kinder einen kleinen monatlichen Betrag, der ihnen, bis die Kinder ausziehen, neue Kopfhörer für die Brut garantiert, wann immer diese wieder einmal ruiniert auf den Küchentisch geworfen werden, ja, sorry, aber was kann ich dafür, dass die schon wieder hin sind?

Fotos dieser Leichen werden dann auf einer Website veröffentlicht und werden gleichzeitig automatisch an die Kopfhörerhersteller und ihre Social-Media-Seiten gesandt, hunderte, tausende, bald Millionen von Bildern nicht mehr brauchbarer Kopfhörer, in allen Farben, Auf-Ohr und In-Ear. Weil die Kopfhörerproduzenten natürlich keinerlei Interesse daran haben, endlich einen Kopfhörer zu entwickeln, der sich in Teenagerhand nicht innerhalb von zwei Wochen selbst zerstört und zu irreparablem Müll wird.

Seit Kinder Smartphones haben, sieht man keinen Jugendlichen auf der Welt mehr ohne zwei fette, runde Deckel auf den Ohren, bzw.: Ein Jugendlicher ist, in der Ära Smartphone, ein schlaksiger, etwas ungelenker Mensch des einen oder anderen Geschlechts, dem bunte Schnüre aus den Ohren hängen und der auf Ansprache nicht reagiert. Der Kollege Klenk hat kürzlich die neue T-Mobile-Werbung kritisiert, die eine moderne Villa zeigt, in der die darin wohnende Familie jeder in seinem Zimmer allein seine Sache macht und nur noch via Elektronik kommuniziert.

Bei uns ist es noch schlimmer. Wir befinden uns zwar gemeinsam in einem Zimmer, aber mindestens zwei Familienmitglieder sind unansprechbar und reagieren nur auf wildes Winken oder auf SMS-oder Whatsapp-Nachrichten. Moderne Zeiten, verrückte Welt.

In diesem Haushalt jedenfalls wurde bereits ein Vermögen für Kopfhörer ausgegeben. Es gibt ein geheimes Kopfhörerdepot für den Notfall. Kopfhörer sind ein sicheres und beliebtes Geschenk für jeden Anlass: Es werden bei uns zu Weihnachten Kopfhörer co-beschert, es gibt sie zu Ostern, zu den Geburtstagen und als Mitbringsel von der Dienstreise, und es ist noch nie vorgekommen, dass sie nicht gebraucht werden.

Wenn mich jemand fragt, was sich die Teenager zu Dings wünschen: Kopfhörer. Und sie werden auch beim 23. Mal noch mit einer gewissen Begeisterung ausgepackt: Ah, super, ich wollte nichts sagen, aber bei meinen geht seit zwei Wochen nur mehr der rechte Stöpsel.

Was das mit den Ohren und den Gehörgängen der Teenager macht: Ich will es gar nicht wissen. Auf die Generation Y folgt die Generation Hörbehelf: So wie ihnen als Junge selbstverständlich die Kabel aus den Ohren hängen, haben die dann als Alte automatisch Hörgeräte, da fällt dann höchstens noch auf, wenn man kein buntes Plastikteil hinter dem Ohrwaschl trägt.

Was hast denn DU in deiner Jugend gemacht? Gelesen???? Oh.


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