"Alles ist instabil"

Zwischen Performance und Stadtwanderung sucht Claudia Bosse nach dem "Ideal Paradise"


INTERVIEW: MARTIN PESL
Lexikon | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016


Foto: Eva Würdinger

Foto: Eva Würdinger

Sie macht nicht gerade das zugänglichste, aber unbestritten aufregendes Theater. Denn Claudia Bosse beschränkt sich mit ihrer in Wien angesiedelten freien Gruppe Theatercombinat nicht auf eine künstlerische Form. Hunderte Interviews und ein Text-, Sound-, Bild- und Bewegungsarchiv verarbeitet sie in Installationen und Endlosperformances zum „Ideal Paradise“. Die gebürtige Deutsche schließt ihre entsprechend betitelte mehrjährige Reihe nun mit einer „nomadischen Stadtkomposition“ ab. Sprich: einem Stadtrundgang mit viel Performance, viel Politik und wahrscheinlich eher wenig Paradies. Am Dienstag ist Premiere.

Falter: Ihre Stadterkundung „Ideal Paradise“ führt an Orte wie das Caritas-Lager Mittersteig, das Obere Belvedere und ein Gelände in der Mollardgasse. Wie kam es dazu?

Claudia Bosse: Vergangenen Herbst wurden uns für ein geplantes Projekt bereits zugesagte Räume wieder entzogen, weil sie dringender als Flüchtlingsunterkünfte benötigt wurden. Aufgrund dieser Raumnot beschloss ich, in die Stadt auszuweichen. Der jeweilige Raum ist immer Koautor meiner Arbeiten. Das Caritas-Lager ist eine Art Archiv vermuteter Lebens- und Wohnnotwendigkeiten. Die brachliegende Fläche in der Mollardgasse ist scheinbar leer und birgt zugleich unzählige Spuren der Vergangenheit dieses Hauses. Indem wir den Raum betreten, wird er aktualisiert, die Zeitebenen kollidieren.

Ist das Arbeiten im öffentlichen Raum nicht lästig? Hat man da nicht ständig unqualifizierte Schaulustige?

Bosse: Nein, das ist großartig, da man permanent mit anderen konfrontiert ist, mit ihrem Wahrnehmen, Lesen, Kommentieren, dem Fasziniertsein oder auch mit kopfschüttelndem Unverständnis. Sobald man der Beobachtung der anderen ausgesetzt ist, wird hinterfragt, was man tut. Ich hätte gerne die Möglichkeit, fast nur noch so zu arbeiten: die Stadt zum Labor meiner Arbeit zu machen.

Die Performer tragen Schutzanzüge, die an die Situation nach einem Atomunfall denken lassen. Wie postapokalyptisch ist unsere Welt eigentlich schon?

Bosse: Wenn wir die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche als postapokalyptisch bezeichnen wollen: sehr. Gab es das Spiel mit der Apokalypse nicht schon immer? Diesen Flirt mit dem Untergang und der Annahme, dass irgendwas stabil und geschützt sein könnte. In der Berliner Gemäldegalerie sah ich neulich Malerei ab dem 15. Jahrhundert. Ich fand es interessant, welche Vorstellungen und Fantasien da als Drohungen im Sinne eines Institutionalisierens von Angst dargestellt werden. Als diffuse Bildwelten gehören diese zu unserer christlichen Kultur.

Wie lautet Ihr Resümee des Zyklus?

Bosse: Dass der Gedanke an stabile Verhältnisse eine gefährliche Denkfigur ist, da sich alles permanent verändert und instabil ist. Vielleicht auch, dass sich der Blick von anderen Verhältnissen – in Tunesien, Ägypten, dem Nahen Osten oder an den Grenzen Europas – ins eigene Umfeld verschoben hat. Alles verhandelt sich hier, über Parteiprogramme, Raum, Angst und Zuweisung.

Was ist für Sie das ideale Paradies?

Bosse: Das gibt es nicht. Gar nicht. Schon das Paradies in der Bibel ist ein totalitärer Raum, der von einem regiert wird und zwei Grenzen hat: nach außen und nach innen, mit dem Verbot, den Baum der Erkenntnis zu berühren. Respektiert man diese autoritäre Setzung und Unwissenheit, darf man im Paradies bleiben.

Was raten Sie Zuschauern, die erst jetzt mit dem Abschlussprojekt in das Universum „Ideal Paradise“ einsteigen?

Bosse: Kommen – bewegen – sehen – hören – denken. Es ist ganz einfach. Man muss nur aufmerksam sein und sich vertrauen!

Sie haben mit Ihrer Tragödienreihe in Wien ziemlich Furore gemacht und 2009 für „Bambiland“ einen Nestroypreis erhalten. Was hat dieses Projekt so erfolgreich gemacht?

Bosse: Der selbsterlaubte Luxus, sich sorgfältig mit Texten und deren jeweiliger Zeit auseinandersetzen zu können, da wir damals noch entsprechend von der Stadt Wien gefördert waren. Genau arbeiten zu dürfen und im Theatralen zu forschen, was damals auch gar nicht angesagt war. Und das Team, das den ganzen Zyklus geteilt hat, wie Christine Standfest, Gerald Singer, Doris Uhlich und die Partnertheater in Genf und Düsseldorf: ihr Interesse, ihre Hingabe und Leidenschaft.

Gibt es schon ein neues Generalthema für das Theatercombinat?

Bosse: Der Titel der neuen Reihe ist „Raum als Verbrechen“. Es geht um den Raum in Europa und den Städten, die Idee des Nationalstaats und die Politik der Grenze.

„Ideal Paradise“: 21. bis 25.6, 18.00, Treffpunkt: Mollardgasse 14


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