Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Das beste Schnoferl der Welt der Woche

GERHARD STÖGER | Feuilleton | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016

Wischtelefone, Social Media und der ganze Quatsch waren noch lange nicht erfunden, da wurde mit dem Emoticon -damals noch schlicht als "Smiley" bekannt -schon allerlei Schindluder getrieben. Die Tanzmusiksubkultur Acid House trug diese penetrante gelbe Grinsekatze Ende der 1980er als hysterisch-fröhliches Erkennungsmerkmal spazieren, Gegner verpassten ihr auf Anti-Acid-T-Shirts kurzerhand einen Kopfschuss.

Die Hamburger Edelschrammelpopband Die Heiterkeit geht bei der Übersetzung ihrer Gefühlslage in ein Kreisgesicht subtiler vor. Sie braucht kein Gelb und keinen Schnickschnack. Ihr genügt ein schwarzer Kreis auf weißem Grund mit zwei Punkten als Augen und einem waagrechten Strich als Mund. Sonderlich heiter sieht das nicht aus, aber die Band ist ja auch mehr Nico als Nena, mehr Marlene Dietrich als Helene Fischer.

Das Vorbild für den Strichmund trägt Stella Sommer im Gesicht, das letzte verbliebene Originalmitglied der 2010 gegründeten Band. Die Sängerin, Songwriterin und Gitarristin ist die Frau, die niemals lacht, und selbst wenn ihre Mundwinkel einmal leicht nach oben zucken, gleicht das eher einem Kind, das ein Schnoferl zieht, bevor es in Tränen ausbricht, weil das Gegenüber im Sandkasten deppert war. Heulen würde Sommer freilich niemals. Innerlich spricht sie vielleicht ein paar Flüche, nach außen dringt aber ausschließlich unterkühlte Gelassenheit.

In Lieder übersetzt hat das einen ganz speziellen Reiz, der sich nach zwei guten Vorgängern nun auf den größenwahnsinnigerweise gleich 20 Liedern des dritten Albums "Pop & Tod 1+2" in voller Pracht entfaltet. Songtitel wie "Schlechte Vibes im Universum" sprechen Bände: Bessere Musik zum Bedeutungsschwer-schlechtdrauf-Sein ist dieser Tage nicht zu bekommen.


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