Kunst Kritik

Nur kurz aufschrecken, dann weiterdämmern

Lexikon | NS | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016

Die Hunde dösen in der Sonne, nur ihre Köpfe sind im hohen Gras sichtbar. Plötzlich tut sich was, die Wauwaus spitzen kurz die Ohren und blicken auf, nur um im nächsten Moment wieder in den Schlummermodus zu versinken. Mit seinem Video "The Call" illustriert Miklós Erhardt die Reaktion der Mediengesellschaft in Bezug auf Krisen. Während uns die Massenmedien weismachen wollen, dass heute eine Krise auf die andere folgt, gehen die Kuratorinnen Anamarija Batista und Karolina Radenkovic in ihrer Schau "Krise als Ideologie?" im Kunstraum Niederösterreich von der nicht neuen These aus, dass Bedrohungsszenarios längst als Dauerzustand instrumentalisiert werden.

Wohl um nicht in den Krisenchor einzustimmen, haben sie vor allem Arbeiten ausgesucht, die prekäre Verhältnisse auf recht leise Weise behandeln. So etwa, wenn Vlatka Horvat kleine Objekte an den Rand eines Tisches legt, wo sie hinunterzufallen drohen, oder wenn Anna Hofbauer in der Fotoserie "Wo waren wir stehengeblieben?" ihre eigenen Spaziergänge mit der Kamera begleitet und die Wegetappen auf Kontaktbögen zeigt.

Mehr Reibungsfläche bietet da schon Marianne Flotrons Video "Work", das die moderne Arbeitswelt anhand eines holländischen Konzerns zu fassen versucht. Im Mittelpunkt steht die flexible Arbeitszeiteinteilung, die als Freiheit daherkommt, aber in Wahrheit die Disziplinierung in die Mitarbeiter hineinverlegt. Dagegen geben die türkischen Bauarbeiter in Ferhalt Özgurs Interviews kritisch Auskunft über das Ausbeutungsverhältnis in dem sie schuften müssen. Ko-Kurator Dejan Kaluderovic befragt für eine Audioinstallation mit Kindern über ihre Träume, Ängste oder was sie unter Freiheit verstehen - lohnende Gespräche, die in der Schau leider untergehen.

Kunstraum Niederösterreich, bis 23.7.


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