Ohren auf Klassische Klaviermusik

Wach durch die Nacht: Musik von der finsteren Seite

Feuilleton | MIRIAM DAMEV | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016

Von russischem Impressionismus über nordischen Minimalismus bis zur Jazzballade: So könnte man die Reise durch die Stilrichtungen beschreiben, die Maria Radutu auf "Insomnia" (Decca) unternimmt. Es ist eine Reminiszenz an die vielen schlaflosen Nächte, die die österreichisch-rumänische Pianistin als Studentin im Nachtzug zwischen Bukarest, Wien und Paris verbracht hat.

Ein Nachtgedicht von Skrjabin erklingt hier ebenso wie Faurés "Pavane" oder Pärts "Partita". Dass Schlaflosigkeit auch Verzweiflung bedeuten kann, zeigen die drei Lieder von Jean Sibelius. Ruhe kehrt schließlich mit Pēteris Vasks "weißen Landschaften" und Christoph Cechs Saxofonimprovisationen ein. Noch ein letzter Zug zu Margareta Ferek-Petrics "Last Smoke" - Zeit, die Augen zu schließen.

Träume und Halluzinationen, Mondschein und Schatten, Sinnliches und Mystisches -die Nacht ist ein großes musikalisches Thema, besonders in der Romantik. John Field erfand für sie sogar ein neues Musikgenre: die Nocturne. Elizabeth Joy Roe hat den irischen Komponisten für sich entdeckt und dessen "Complete Nocturnes" (Decca) eingespielt. Den 18 Miniaturen nähert sich die Pianistin auf erfrischend unsentimentale Weise und zaubert so poetische Gefühlslandschaften, die glücklicherweise nichts mit dem Klischee der süßlichparfümierten Bagatelle für romantische Stunden zu tun haben.

Hatte Irina Georgieva als kleines Kind Angst vor dem Einschlafen, hörte sie Schumanns Kinderszenen. Später spielte sie sie selbst, nun hat die Bulgarin die Meisterstücke aufgenommen. Benannt ist "Ondine" (Genuin) nach dem Auftakt von Ravels dreiteiligem Klavierzyklus "Gaspard de la nuit", die von allerlei nächtlichen Spukgestalten und grotesken Fantasiewesen bevölkert werden. Georgieva erweckt sie virtuos zum Leben und liefert damit idealen Stoff für schlaflose Nächte.


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