Film Neu im Kino

Das Brodeln unter der Oberfläche: "Ixcanul"

Lexikon | SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 24/16 vom 15.06.2016

Gib ihnen Rum, das macht sie scharf", sagt Marías Mutter, Juana. Gierig trinken die Schweine aus den Flaschen, die die Frauen ihnen ins Maul stecken. Für Marías Verlobung wird ein Braten gebraucht. Unbewegt ist das Gesicht der 17-Jährigen, während die Tiere im Off zur Sache gehen. Doch man meint, ihre Gedanken zu hören: Um die Existenz ihrer Eltern -arme Mayabauern, die im Hochland Guatemalas am Fuß eines dampfenden Vulkans leben -abzusichern, soll sie den Vorarbeiter der hiesigen Kaffeeplantage ehelichen. Rum ist es auch, mit dem María den Erntehelfer Pepe anlockt -und mit ihrem Körper. Dafür soll er sie in die USA mitnehmen, wohin der Taugenichts auszuwandern gedenkt.

Selbst in der Region der Cakchiquel-Maya aufgewachsen, entwickelte Jayro Bustamante das Drehbuch für "Ixcanul" auf der Basis von Gesprächen mit der indigenen Bevölkerung. Eine seltene Wahrhaftigkeit und Unmittelbarkeit prägen sein Debüt: So fremd die karge Welt des Dramas ist, so selbstverständlich fühlt man sich ein, so viel erzählen die Bilder der Landschaft, die traditionellen Rituale der dominanten, aber liebevollen Mutter, in die María eingewebt ist wie eine Raupe, die keine Schmetterlingsbraut werden will.

An der Oberfläche verhalten, brodelt es darunter gewaltig: Voll Respekt für seine Protagonisten erzählt Bustamante von Armut und Trostlosigkeit, mit zum Teil radikaler Intimität, etwa wenn Juana (María Telon) die Abtreibung ihrer schwangeren Tochter (María Mercedes Coroy) in die Wege leitet.

Zum Schluss verdichtet sich "Ixcanul" zu einer Anklage gegen die soziale Benachteiligung und den Missbrauch, mit denen die Indigenen in Guatemala zu kämpfen haben. Als man das Ausmaß begreift, ist der Film schon zu Ende -und wirkt lange nach.

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