Wieso machen 71 tote Flüchtlinge in einem Lkw betroffen, zehntausend Tote im Mittelmeer können wir aber ignorieren?

CLAUS LAMM | Politik | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016

Empathie ist nichts anderes, als die Gefühle einer anderen Person zu spiegeln. Die Gehirnzentren, die aktiv sind, wenn ich selbst Trauer empfinde, sind auch aktiv, wenn ich das Leid einer anderen Person wahrnehme. Je näher uns diese Person ist, desto mehr Empathie empfinden wir für sie. Das Mittelmeer ist weit weg im Kopf und dadurch auch in den Gefühlen. Wären die Flüchtlinge nicht bei uns auf der Autobahn in einem Lkw erstickt, sondern in Italien, hätten wir das als nicht so dramatisch wahrgenommen.

Viele Menschen sagen auch, sie schalten um, wenn im Fernsehen Nachrichten von neuen Ertrunkenen kommen. Wenn mich das Leid überflutet, wende ich den Blick ab. Oder man sucht sich andere emotionale Strategien, mit dieser Überforderung umzugehen. Dann versucht man sich zum Beispiel mit Reaktionen wie "Selber schuld, wenn die Flüchtlinge nicht schwimmen können" zu schützen.

Unsere Empathiefähigkeit sinkt auch, je größere Ausmaße ein Leid annimmt -obwohl es rational gesehen umgekehrt sein sollte. Sind vier, fünf oder zehn Menschen in Seenot, können wir uns das bildlich vorstellen. Bei einigen Hunderten oder Tausenden sehen wir hingegen nicht mehr das Individuum, sondern kategorisieren in "die Flüchtlinge". Sobald wir aber in Kategorien denken, ist der Weg zur Emotion schon fast abgeschnitten.

Das konnte man vor kurzem gut beobachten: Der eine Gorilla, der in einem Zoo in den USA getötet wurde, löste weltweit viel stärkere Emotionen aus als tausende Menschen, die im Mittelmeer ertranken.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige