Eine Jause mit DeLuca

Johannes Lingenhel eröffnete die schönste Feinkosthandlung der Stadt

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Meinl ist eh super. Viele gute Sachen, brav in Regale geschlichtet. Inszenierung ist die Sache des Gourmet-Supermarktes am Graben aber halt nicht, die lustvolle Präsentation von Genuss und Köstlichkeit scheint in Österreich nach wie vor als peinlich oder unangebracht empfunden zu werden. Das alte Lied.

Das Johannes Lingenhel aber nicht anstimmen wollte. Der geborene Vorarlberger, der über die Jahre hinweg gemeinsam mit Christian Pöhl ein feines, kleines Feinkosthandelsimperium geschaffen hatte, eröffnete vorige Woche sein neues Geschäft in der Landstraßer Hauptstraße, in dem man nicht nur gute Sachen anschauen und einkaufen kann, sondern sie auch gleich vor Ort auf den Teller geschnitten bekommt. Wie bei Dean & DeLuca in New York, bei Peck in Mailand oder einer der anderen weltbesten Feinkosthandlungen. Und ab Anfang Juli wird es dann noch ein kleines Restaurant und eine Stadtkäserei unter der Leitung des Ziegen- und Büffelkäsegurus Robert Paget aus Diendorf am Kamp geben.

Aber Johannes Lingenhel ist schon froh, dass jetzt überhaupt einmal der Laden offen hat, das heißt, „froh“ ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Denn eigentlich wollte er schon letzten Herbst aufmachen, MA 22 und MA 36 verzögerten die Bauverhandlungen um elf Monate, Lingenhel bezahlt seine Angestellten seit April …

Das Auge isst/kauft im Lingenhel natürlich mit. Die Vitrinen biegen sich unter der Last von 120 Käsen, an die 20 speziellen Salamis, Rohschinken aus Parma, San Daniele oder vom spanischen Schwein, in der Auslage harmoniert das Braun des Krustenbrotes mit dem Braun des Eichenholzes und dem Braun der Käserinde, in einer kleinen Kühlvitrine räkeln sich Sandwiches und säuseln verführerisch: „Nimm mich.“

Gegenüber der großen Vitrine wurde eine „Lümmelecke“ arrangiert, wo man lehnen, ein Glas Wein trinken und den riesigen Laiben Parmesan und Bergkäse beim Reifen zusehen kann, „18 Monate alt“ steht da angeschrieben, „jetzt sind es in Wirklichkeit schon 24“. Lingenhel zeigt auf eine gekühlte Auslagenvitrine: „Hier inszenieren wir, hier reift jetzt unsere Trüffelsalami, da kann dann aber auch ein halbes Schwein hängen. Oder nur ein Hocker stehen, mit einer weißen Trüffel.“

Das Pastrami-Sandwich ist großartig. Der Aufschnitt stammt zwar von Roman Thum, den haben andere auch, aber hier wohnt das gesurte Rind mit toller Coleslaw in Roggenbrot (€ 4,90). Und auf der Brettljause liegen Prosciutto, Salami, dünn geschnittene Hauswürstel, Wild-Schinken, Camembert und Bergkäse, alles erlesen, richtig temperiert, richtig geschnitten (€ 7,90). Der Bio-Riesling vom Lesehof Stagård ist auch gerade offen. Sagen wir so: Eines muss ja das beste Feinkostgeschäft der Stadt sein, das hier ist ein aussichtsreicher Kandidat.

Resümee:

Ein wunderbarer Ort für Auge, Nase, Gaumen, nach ewiger Verzögerung endlich offen, in zwei Wochen dann sogar mit Käserei.

Lingenhel
3. Landstraßer Hauptstr. 74
Tel. 01/710 15 66
Mo–Sa 8–22 (Shop bis 20) Uhr
www.lingenhel.com


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