Nur keine Spompanadeln

Ein temporäres Mahnmal zeigt 400 Menschen beim Verschwinden

Vorschau: Michael Omasta | Feuilleton | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016

Ihren klingenden Namen verdankt die Glockengasse in Wien-Leopoldstadt dem Umstand, dass sich Anfang des 19. Jahrhunderts dort eine Glockengießerei befand. Vor ein paar Jahren kam die Adresse zu literarischen Ehren: Vilma Neuwirth erzählt in "Glockengasse 29" die Geschichte ihrer Familie, einer jüdischen Arbeiterfamilie. Am kommenden Sonntag findet eine Performance in der unscheinbaren Gasse statt: "400 -the image behind", ein Mahnmal im öffentlichen Raum für jene 400 Menschen, die allein in den ersten sechs Wochen dieses Jahres auf der Flucht im Mittelmeer ums Leben kamen.

"Wir wollen diesen Menschen, von denen in den Medien fast nur mehr als Zahl gesprochen wird, im übertragenen Sinn einen Körper wiedergeben", erläutert die Filmemacherin Lotte Schreiber das Vorhaben, "und durch die reine physische Präsenz von mehreren hundert Leuten auch die einzelne Person wieder greifbarer machen."

Schreiber geht die Aktion wie einen Filmdreh

an, vor allem, was die behördlichen Genehmigungen betrifft: Parkverbot muss verhängt, ein Teil der Gasse für den Verkehr gesperrt werden. Mehrere der umliegenden Geschäfte haben ihre Schaufenster zur Verfügung gestellt. Sie sind mit Piktogrammen beklebt, die in abstrahierter Form an das Schicksal von Aylan Kurdi erinnern, ein syrisches Flüchtlingskind kurdischer Abstammung, dessen Leiche vorigen Herbst bei Bodrum an Land geschwemmt wurde.

Tatsächlich ist einer der Geschäftsleute vor Ort auch der Initiator dieses geplanten Mahnmals. Tom K., Name der Redaktion bekannt, möchte keine Werbung für sich oder sein Geschäft machen und tritt deshalb nur unter Pseudonym - als tk1968 - in Erscheinung. Mit dem Aufkleben der Piktogramme, eines für jeden Ertrunkenen, kommt er schon lange nicht mehr nach. Die Parole "Justice Welcome", die in der Mitte jeder Auslage prangt, klagt das Fehlen einer verantwortungsvollen europäischen Flüchtlingspolitik an.

Die ersten Reaktionen der Passanten auf die Schaufensteraktion, sagt tk1968, fielen ganz unterschiedlich aus. "Die einen wollen lieber die Kurzfassung und schönen Tag noch, auf Wiedersehn! Andere wiederum sind sehr betroffen und finden gut, dass wir das machen. Ich muss gestehen, ich kann mit der Frage:'Was bringt's? Warum macht man so was Politisches?' auch nicht immer so wahnsinnig gut umgehen."

Für die Performance am Sonntag, die auch filmisch dokumentiert wird, haben sich gleich auf Anhieb an die 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeldet. Noch einmal so viele sollten es werden. Das Geschehen folgt einer strengen Choreografie, besondere Fertigkeiten sind freilich nicht vonnöten. "Keine Spompanadeln", bekräftigt Lotte Schreiber, "alles ist sehr minimalistisch. Es wird in sieben Blöcken, von A bis G, Aufstellung genommen. Jeder Teilnehmer bekommt ein Regiekärtchen, auf dem alles Wichtige draufsteht. Eigentlich geht's darum, wie sich diese Menge langsam wieder auflöst, wie nach und nach 400 Leute verschwinden und die Straße am Ende leer ist."

Gedreht wird mit zwei Kameras; einmal leicht erhöht aus der Totale, zum anderen mit Handkamera, die sich durch die Menge auf der Straße bewegt, dabei einzelne Gesichter, die Personen als Individuen erfasst. Spätestens ab dem Moment, wo's heißt: "Kamera läuft!", soll halt tunlichst nicht mehr getratscht werden.

Falls etwas schiefläuft, gibt es keinen Plan B. Bezahlung leider auch nicht, dafür Traubenzucker und einen Getränkesponsor. Vorschläge, ihre Aktion mit Flüchtlingen zu machen, lehnen Schreiber und tk1968 strikt ab. "Wir fänden das verantwortungslos, dass Menschen, die eh schon fluchttraumatisiert sind, quasi den Platz ihrer umgekommenen Leidensgefährten einnehmen sollen. Natürlich sind auch asylsuchende Menschen willkommen, aber wir wollen ja bewusst machen, dass Flucht jeden betreffen kann, auch jeden von uns." F

Zur Aktion Am Sonntag, den 26.6., nimmt in der Zeit von 15 bis 18 Uhr das Mahnmal "400 - the image behind: Sie suchten Frieden und fanden den Tod" im zweiten Bezirk in der Glockengasse temporär Gestalt an. Für die Aktion, die bei jedem Wetter stattfindet und auch gefilmt wird, benötigt man 400 Teilnehmer. Interessenten können sich über Facebook anmelden, nähere Informationen zur Aktion sowie die Regieanweisung als pdf zum Download unter http://lotteschreiber. com/400t


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