Dürfen wir Bilder der Ertrunkenen zeigen, wenn dadurch verhindert wird, dass weitere Flüchtlinge sterben?

Politik | MARIA WINDHAGER | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016

Rechtlich gesehen haben auch Verstorbene einen über den Tod hinaus bestehenden Persönlichkeitsschutz. Nahe Angehörige können zum Beispiel eine Fotoveröffentlichung verbieten, wenn dadurch die Ehre oder die Intimsphäre des Verstorbenen verletzt wird. Daher dürfen Fotos von Ertrunkenen grundsätzlich nicht veröffentlicht werden. Das wäre auch pietätlos. Die Angehörigen müssen aber aktiv werden, sonst gibt es keinen Rechtsschutz.

Dem gebotenen Respekt vor der Würde der Verstorbenen steht zweifellos die massive Betroffenheit gegenüber, die Bilder von Ertrunkenen auslösen. Journalismus hat auch die Aufgabe, zu informieren und zu dokumentieren. Wenn Kinder auf der Flucht ertrinken, ist das eine Realität, die gezeigt werden können soll, wird ins Treffen geführt. Dieses Argument ist aus medienethischer Perspektive überzeugender, als mit der "guten Sache" zu argumentieren.

Kein Foto hat mich jemals so berührt wie jenes des ertrunkenen Flüchtlingsbuben Aylan, der an den Strand gespült wurde. Wer aber nur damit argumentiert, durch die Veröffentlichung solcher Bilder weitere Menschenleben retten zu wollen, instrumentalisiert diese Toten und ihre Angehörigen für eigene Zwecke.

Die zentrale Frage bei solchen massiven Eingriffen in die Menschenwürde sollte daher lauten: Reicht es uns nicht, ein Bild des lebendigen, fröhlichen Aylan zu sehen und zu lesen, dass dieser Bub ertrunken ist? Brauchen wir wirklich das Bild eines toten Kindes, um wachgerüttelt zu werden?


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