Die Sittenwächter und ihr Hass

Auf Plätzen und nun auch im Netz: Gelangweilte Männer jagen Frauen, die in der Öffentlichkeit leben

Falter & Meinung | KOMMENTAR: SIBYLLE HAMANN | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016

In den vergangenen Monaten, im Zuge der Debatte um sexuelle Übergriffe, haben wir gelernt, was das arabische Wort "Taharrush gamea" bedeutet: Männer, die in Gruppen herumlungern, nehmen gezielt Frauen ins Visier, bedrängen sie, jagen sie über den Platz, fallen über sie her und greifen sie kollektiv aus. Im Pulk fallen die Hemmschwellen, man geilt einander auf, immer noch weiter zu gehen. Manchmal steht am Ende des Taharrush gamea eine Vergewaltigung oder gar ein Mord.

Die Männer, die so etwas tun, fühlen sich im Recht. Nicht als Täter, sondern als Sittenwächter, als Exekutoren der natürlichen Ordnung. Aus ihrer Perspektive hat die Frau die Regeln verletzt. Sie hat eine Grenze überschritten, und ist in einen Raum eingedrungen, in dem sie nichts verloren hat. Für die Gewalt, die sie damit heraufbeschworen hat, trägt sie deshalb selbst die Verantwortung. Hätte sie halt nicht provoziert! Wäre sie halt nicht allein hergekommen, um diese Zeit! Wäre sie halt brav zu Hause geblieben!


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