Müssen sich Europas Juden vor muslimischen Flüchtlingen fürchten?

Politik | MOSHE ZUCKERMMANN | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016

Der Flüchtling zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist dem jüdischen Flüchtling der 1930er-und 1940er-Jahre weit stärker verschwistert als den Ideologen dessen, das die Juden im vorigen Jahrhundert zum Flüchtling hat werden lassen. Man sollte meinen, dass dies selbstverständlich sei. Aber es stellt sich heraus, dass es vielerorts gerade Juden sind, die sich vor den muslimischen Flüchtlingen fürchten.

Was freilich verwundert, ist die Unfähigkeit zur Reflexion derer, die sich vor dieser neuen vermeintlichen Quelle des Antisemitismus so fürchten. Es gibt Antisemitismus in der islamischen Welt, ganz ohne Zweifel. Aber es gibt auch rassistischen Islam-und Araberhass unter Juden; in Israel ist er nachgerade zur staatsoffiziellen Ideologie avanciert. Juden hatten es historisch im Islam immer schon ungleich besser als im christlichen Abendland; nicht in der islamischen, sondern in der christlich beherrschten Welt ist es für Juden zum Allerschlimmsten gekommen.

Was den heutigen Flüchtling als solchen antreibt, ist zunächst und vor allem eine existenzielle Leiderfahrung. Dass diese mit inneren Zerrissenheiten in den islamisch beherrschten Regionen zusammenhängt und freilich auch mit den Spätfolgen des europäischen Kolonialismus sowie mit den Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus, der es bewirkt hat, dass Hungernde und Gewaltopfer der Dritten Welt in die satte Erste Welt flüchten, kann hier unerörtert bleiben. Zwar darf man erwarten, dass gerade Juden zu solchen Reflexionen fähig wären; bedeutende jüdische Geistesheroen haben dafür in der Vergangenheit Zeichen gesetzt. Aber es geht hier aktuell vor allem um eins -um die Ermöglichung einer Zufluchtsstätte für leidgetriebene Flüchtende.

Auch zu dieser Einsicht sollten gerade Juden aufgrund ihrer Geschichte fähig sein. Sie würden damit der historischen Opfer ihres eigenen Volkes adäquat gedenken. Dass viele von ihnen sich dieser Einsicht verweigern, ist, so besehen, eine Art Verrat an den historischen jüdischen Opfern.


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