Ohren auf Good Vibes

Melodie & Walkin' Bassline dürfen schon dabei sein

Feuilleton | KLAUS NÜCHTERN | aus FALTER 25/16 vom 22.06.2016

In dem, was man im weitesten Sinne als Free Jazz bezeichnet, stehen Vibrafonisten nicht eben an vorderster Front. Umso auffälliger ist es, wenn sich jemand so umtriebig zeigt wie der vor allem mit dem Creative Cluster Chicago assoziierte US-Musiker Jason Adasiewiecz, der nun mit dem Tenorsaxofonisten und Bassklarinettisten Keefe Jackson das Duo-Album "Rows and Rows" (Delmark) eingespielt hat. "Swap" ist ein Stück betitelt, und der Austausch von Ideen inkludiert hier auch die Möglichkeit, die angebotenen Patterns und Motive aufzugreifen oder zu ignorieren. Im besten Falle führt das zu einer intimen Zwiesprache mit überraschenden Momenten, im schlechtesten musizieren die beiden ein wenig erratisch nebeneinander her.

Möglichkeiten, sich zu verirren, sind im Claudia Quintet nicht vorgesehen. Drummer John Hollenbeck komponiert quasi auf dem Millimeterpapier. Selbst dort, wo auf "Super Petite" (Cuneiform) freie Improvisation angesagt ist, geschieht dies in einem exakt definierten Raster. Die exzellenten Musiker exekutieren diesen Chamber-Math-Jazz untadelig. Der besticht indes nicht nur durch seine unorthodoxe Instrumentierung (reeds, vb, acc, b, dr), sondern auch dadurch, dass Groovekonstruktivismus und Klangpoesie überraschend gut zusammengehen.

Das skandinavische Quintett I.P.A. wurzelt unüberhörbar in den Sixties, die Instrumentierung ist -tauscht man die Bassklarinette gegen ein Tenorsax ein -identisch mit der von Eric Dolphys Klassiker "Out to Lunch". Don Cherry und Ornette Coleman wären weitere Referenzgrößen. Indes ist "I Just Did Say Something" (Cuneiform) keineswegs eine epigonale Retroveranstaltung, sondern serviert undogmatisch und äußerst abwechslungsreich einen Free Jazz, bei dem auch getanzt, instrumental gesungen und ganz traditionell zu einer walking bass line geswungen werden darf.


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