Team der Stunde

Zu wem man jetzt halten muss

Mit der Kraft des Schafscherers: Die Isländer schreiben die Sensationsgeschichte dieses Turniers

Fussball-EM | aus FALTER 26/16 vom 29.06.2016

Eigentlich ist es von meiner Konfession her undenkbar, dass hier eine Mannschaft als Sympathieträger präsentiert wird, die Österreich und dann noch die heiligen Engländer aus dem Turnier gestochen hat. Aber es wird bei dieser EM kein Team mehr kommen, das es sich so verdient hat wie die tapferen Isländer. Ein Land, in dem Stand Mai 334.300 Menschen wohnen, steht bitte ungeschlagen im Viertelfinale der Europameisterschaft.

Mit Spielern, von denen manche Nebenjobs haben, einem Siegtorschützen, der Sigthórsson heißt, und einem Torwart Halldórsson, der schon drei Dutzend Schüsse pariert hat. Für die Präsidentenwahl am Sonntag haben sie extra ein Wahllokal in Frankreich eröffnet, weil dort zurzeit sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung aufhältig sind. Diese Geschichte hat das Feeling eines illustrierten Fußballbuchs für Sechs -bis Achtjährige.

Ganz aufgeräumt sind sie ja nicht. Sie haben keine Eisenbahn, dafür Björk und ähnlich quiekende Sportkommentatoren und zahlen mit seltsamem Geld, wovon die Münzen mit ihren liebsten Fische und Krabben beprägt sind. Wahrscheinlich tun sie in diesem Turnier einfach das, was anderen abhanden gekommen scheint: nämlich staubtrocken das spielen, was sie können. Zwei Viererketten, die so kalt und finster verteidigen wie der isländische Winter seinen Ruf. Davor zwei, die schnell nach vorne kommen, aber im Spiel gegen den Ball immer seriös bleiben. So brachten sie einen nach dem anderen und schließlich auch zögerliche, inkonsequente Engländer zur Verzweiflung.

Als Nächstes wartet Frankreich. Die sind heiß, aber nicht unverwundbar. Kaum einer traut sich zu prognostizieren, dass es nach diesem Spiel in Island finster wird. Und selbst wenn, werden sie eine Farbe in dieses Turnier gemischt haben, die es dringend nötig hatte.


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