Tiere

Grenzfall

Peter Iwaniewicz singt "Don't Fence Me In" von Cole Porter

Falters Zoo | aus FALTER 26/16 vom 29.06.2016


Was wären Grenzen ohne Stacheldraht? Wohl kaum mehr als – um es mit Christian Morgenstern zu sagen – „ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschau’n“. Also ein nicht ernstzunehmendes Hindernis. Erst dank dieses spitzen Produkts, das 1873 zum Patent angemeldet wurde, konnten sich die US-amerikanischen Rinderbarone gegen die frei wandernden Rinderherden kleiner Farmer durchsetzen. Maschendrahtzäune waren zwar schon erfunden, konnten aber robuste Tiere nicht am Durchbrechen hindern. Die Neuerung bestand aus zwei miteinander verdrehten Spanndrähten, die einen Stachel fixierten, der sich auch unter der Last eines sich dagegenlehnenden Tieres nicht mehr wegdrehen konnte. Wie viele andere technologische Neuerungen führte Stacheldraht dann auch gleich zum „Fence Cutting“-Krieg zwischen Rinderzüchtern.

Mit dem Fall des 7000 Kilometer langen Eisernen Vorhangs schwächelte der Absatz kurzzeitig, aber jetzt ist Stacheldraht auch bei demokratischen Staaten wieder ein Must-have. Mehr als 30.000 Kilometer an Zäunen und Mauern bestehen allein in Europa und Asien. Diese sollen eigentlich Menschen fernhalten, doch behindern sie auch die Wanderungen vieler Tierarten. Ein norwegisches Forschungsinstitut hat jetzt in einer Studie die ökologischen Dimensionen dieser manischen Ausgrenzerei erhoben. Das erste Problem dabei war, dass sie kaum Angaben über Lage, Ausdehnung und Bauweise dieser Zäune fanden, da – wenig überraschend – diese Daten aus Gründen der nationalen Sicherheit unter Verschluss sind und die Gebiete in Sperrzonen liegen.

Mittels Satellitenaufnahmen und GPS-Monitoring konnten sie aber Verbreitungskarten erstellen, die zeigen, wie die Bestände durch diese Barrieren isoliert werden und es keine genetische Auffrischung durch zuwandernde Tiere gibt. In Europa werden kleinere Gruppen von Braunbären, Luchsen und Wölfen durch den neuen Zaun zwischen Slowenien und Kroatien behindert und sind deshalb vom regionalen (Wieder-)Aussterben bedroht.

Die gute Nachricht zum Schluss: In der Mongolei, die fast gänzlich von Zäunen eingegrenzt wird, bewirken diese Sperranlagen, dass die dort seltenen Onager, asiatische Wildesel, nicht nach China ziehen können, wo sie sehr stark und illegal bejagt werden. Quasi ein antiimperialistischer Schutzwall für Wildtiere! In Europa hat dieser bekanntlich nicht geholfen.


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